Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 152)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609298--5112-2612462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
132 in die Gasse fährt, langsam, im Schritt, als läge ein Kranker b’rin. Doch der Wagen ist leer. Der b’riti saß, ist ausgestiegen, aus Ehrfurcht vor der weihevollen Stunde, die itzt jede Arbeit und jede Beschäftigung, die nicht Gottesdienst und Sabbathfreude ist, aufhören heißt. Langsam folgt der Mann dem langsamen Wagen, sich an ihn haltend, als müßte er ohne diese Stütze unfehlbar zusammenbrechen. Und in der Thai er ist krank. So gebeugt ist seine Gestalt, so kraftlos und schlotternd sein Gang, so eingefallen die Wangen und gläsern dasAuge, daß man meinen könnte, es sei der zur Form gewordene Tod, der izt durch die Gaffe hinter seinem müden Gespanne wandert. In einem Alter, in welchem sonst das Leben zur vollen kräftigen Entwicklung gelangt, ist dieser Mann bereits das Opfer einer raschen Zerstörung, und das häufige Hüsteln, das ihn erschüttert, klingt wie das -Pochen des Todes an seinem dumpfen Herzkasten, wo die Krankheit, die ihn vernichtet, ihr Nest gebaut. Nor einem größeren Hause, dessen gastliches Thor bereits geschlossen, hält endlich das Fuhrwerk und eine junge Frau erscheint an der Schwelle. Ist es Schwäche oder innere Bewegung, die den Fremden am Eingang in das Gasthaus taumeln läßt? „Ich bin verspätet," redet er die Frau an, welche ihm öffnet, und seine Stimme ist so hohl und schlotterig, daß sie an das Mark geht, „ob ich hier in diesem Gasthofe bleiben könne?" „Gewiß könnt Ihr's, wir haben Zimmer genug; wollt Ihr mittlerweile hier in unsere Stube eintreten, bis oben ein Zimmer für Euch gerichtet ist? Tretet nur ein, Water und Bruder werden gleich aus dem Bethaus kommen." Die Frau eilte die Treppen hinauf, der Fremde trat in die geöffnete Stube. Es war Niemand dort; sie war sabbathlich hell und blank gescheuert, der Tisch stand gedeckt. Der Reisende ließ sich aus einen Stuhl nieder und seine trägen, matten Blicke krochen über die Gegenstände vor ihnen, sein Kopf sank wie geknickt in die