Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 150)
- Language
- German
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130 ist gut, sich von Gesühlspinselei entfernt zu halten, aber man muß deshalb nicht in das entgegengesetzte Extrem, in Kälte und Gemüthlosigkeit, verfallen. Doch auch dieser Fehler hat in der Erziehung, in meinen ersten Lebensverhältnissen seine Begründung. Gerade daß ich unter Frauen, allerdings sehr würdigen Frauen, aufwuchs, verleidete mir die Frauen. Um sie zu ärgern, gewöhnte ich mich an Verhöhnung der Liebe und alles Idealen. Das bewahrte mich allerdings vor dem Verlieben, aber es benahm mir die Fähigkeit zu lieben. Wenn ich jetzt über die Vergangenheit zurückdenke, so muß ich mit einer gewissen Beschämung bekennen: ich habe nie ernst und tief — und sei's nur zwei Tage — wahrhaft geliebt. Und eine Zugend ohne Liebe — es klingt mir allerdings etwas süßlich, aber jetzt muß ich es aussprechen—eine Zugend ohne Liebe ist ein Sommer ohne warme Tage — es gedeiht nichts, es reift nichts. — Sonst ist selbst von meinen Bühnenerlebnissen und Conflicten mit dem Theater nicht viel zu erzählen. Za nur rücksichtlich meines Lustspiels: „Geistige Liebe" muß ich der Sonderbarkeit wegen nachträglich berichten, daß der damalige Hofburgtheater-Director Herr von Holbein es so sorgfältig prüfte, daß die Prüfung volle sieben, sage sieben Zahre in Anspruinahm. Ohne MadHaitzinger, die das Stück auf einer Reise zufällig sah, wäre Herr v. Holbein wahrscheinlich von diesem Erdball abspaziert, ohne mit der Prüfung zu Ende zu kommen. Ich muß das dem Dahingeschiedenen verzeihen, da ein leider noch nicht dahingeschiedener Hoftheater-Jntendant noch bis auf den heutigen Tag schwankt. Weiter wüßte ich nichts von meinem Leben zu sagen. Der Rückblick auf die Vergangenheit ist nicht sehr erfreulich, noch weniger erbaulich dürfte sich mir die Zukunft gestalten. Die Nacht bricht herein, ohne daß es jemals recht Tag war. Doch wie Gott will. Auf jede Erdennacht und Trauer — wohl auch meine — folgt ein Auserstehungsmorgen. — In Ergebung will ich seiner harren.