Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 138)
- Language
- German
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118 der gute Leopold in eine Schusterwerkstatt geschickt, welche er um so lieber betrat, als ihm immer das Schicksal Hans Sachs's vorschwebte, der als dichtender Schuster ebenfalls nicht unbekannt blieb. Leopold übte über ein Jahr die Kunst, Pfrieme und Sohle zu handhaben, als ein durch ihn selbst hervorgerufenes Ereigniß ihn wieder von diesen Banden befreite. Ein hübsches Mädchen brachte nämlich ein paar ausgetrennte Schuhe, welche die Schöne eigenhändig unserm Leopold zur Wiederherstellung übergab. Leopold, begeistert von der Anmuth des Mädchens, klebte mit Schusterpech ein mit Bleistift geschriebenes Lobgedicht auf die Sohle eines dieser verhängnißvollen Schuhe und übergab sie des andern Tages ausgeöessert der holden Eigenthümerin. Das Mädchen, im Weggehen die Aufmerksamkeit des poetischen Schusterlehrlings bemerkend, ging mit deren Beweise beleidigt, von einem Schusterjungen besungen worden zu sein, geraden Weges zum Meister, und beklagte sich über die Frechheit seines Lehrlings. Dieses führte eine Katastrophe herbei. Der Meister trat in die Werkstube, den kleinen Leopold mit groben Vorwürfen wegen Vertreibung seiner Kundschaften überhäufend, und erhob endlich die Knieriemen, um den angehenden Hans Sachs zu schlagen. Da erwachte Leopolds ganzer Stolz und sein besseres Bewußtsein in solchem Grade, daß er den Schusterkneip gegen den Meister erhob, und schwur, ihm denselben bei der ersten Berührung in den Leib zu rennen. Das Fortjagen Leopolds aus der Werkstätte war das Ende dieser tragikomischen Scene, und Leopold war des Peches für immer entledigt. In den folgenden zwei Monaten, während welcher mit einem auswärtigen Handelsherrn über Leopolds Aufnahme in dessen Geschäft als Lehrling unterhandelt wnrde, da die Eltern sahen, daß der Junge zum Handwerker doch verdorben sei, besuchte Leopold mit verdoppeltem Fleiße wieder die Schule und schrieb in seinen Mußestunden ein Schauspiel: „Der falsche Eid" betitelt, und übergab es