Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 88)
- Language
- German
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68 genwart, die ihnen kaum einen Platz im Bereiche der menschlichen Gesellschaft gewährte, zu einer erfreulicheren und den Principien der Humanität entsprechenderen zu gestalten. Die sogenannte Judenfrage betrachtet H. weniger vom religiösen als vom staatlichen Gesichtspunkte aus, er weist nach, daß die zum Theil begründeten Fehler der Juden eine naturgemäße Folge der traurigen Verhältnisse seien, in die man sie hineingedrängt. Selbst da, wo er gewisse unausrottbare Vorurtheile gegen die Juden hegt und ausspricht, find seine Worte ein Ausfluß ehrlicher Ueberzeugung, aber nie des voreingenommenen Haffes. Es erging Herdern hierbei wie den meisten Menschen, die sich in eine gegensätzliche Stellung zu der allgemein herrschenden Gedankcnrichtung ihrer Zeit hineinbcgeben, und die es bei dem ernstesten Bestreben nicht verhindern können, daßihnen unbewußt in irgend einem versteckten Winkel des Kopses oder Herzens Spuren alter Denk- und Gesühlssormen zurückbleiben, war doch selbst Kant, der Alles zermalmende, alte Vorurtheile von der Tafel des menschlichen Verstandes hinwegsegende Kant eingestandener Maßen kein sonderlicher Judenfreund. Gar viele Bedenken, die noch heute von den Anhängern des „christlichen Staates" gegen die Juden verbreitet werden, hat H., seiner Zeit gewissermaßen vorauseilend, ins rechte Licht gesetzt. lieber die Versuche frommer christlicher Seelen zur Bekehrung der Juden macht sich H. in einem besonderen Capitel seinerAdrastea geradezu lustig. Daß durch'sDisputiren in Herbergen und Wirthshäusern schwerlich eine große Judenbekehrung bewerkstelligt werden möchte, ist ihm eben so klar, als cs gewiß ist, daß durch solche Disputen der Christen mit den Juden jene sich diesen oft zum Spott gemacht haben. . . . „Soyez donc juif, pareeque vous l’etes," wiederholt H. mit Voltaire. Wem liegt etwas an eurem Glauben oder Richtglauben an den Messias, an eurer Auslegung und Hoffnung, an eurem Richtchristenthume? Es sind dies Ansichten, die sich auch in unserer Zeit nicht sowohl