Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 76)
- Language
- German
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56 bringen vereitelndes Gegengewicht vorhanden gewesen wäre? Welcher Geist, wenn nicht der Geist des Wahnes und der Verkehrtheit, hat die Auto-da-M heiliger Glaubensgerichte, die massenhafte Schlachtung ganzer jüdischer Gemeinden und all' die anderen Gräuelscenen des sogenannten romantischen Mittelalters geboren? Erinnert man sich mit mir, um aus der Liste der Plackereien nur Einiges auf's Ungefähr herauszugreifen, daß man den unschuldigsten Handlungen der Juden eine demonstrative Bedeutung beilegte, daß man V. ihre Festtage, wie das Purimfest, als zur Verspottung des Christenthums eingesetzt ansah, daß man sie sammt und sonders als ausgemachte Verbrecher, Kindesmörder, Brunnenvergifter und Verehrer zähen Capucinerfleisches betrachtete, daß man ihnen beschimpfende Zudeneide decretirte, daß man sie zum Vieh herabdrückte und nicht nur den lebenden, sondern selbst noch den tobten Juden einen Leibzoll auflegte, daß man sie der öffentlichen Verachtung durch absonderliche Trachten preisgab, daß seit dem klugen Einfalle Papst Jnnocenz III. Farbe, Schnitt, Form und Abzeichen der jüdischen Kleider einer besonderen Controlle unterlag, daß die Männer bald rothe, bald weiße oder gelbe Räder von Filz auf ihren Röcken, in Deutschland außerdem noch spitze Judenhüte oder Capucen tragen mußten, daß die Päpste Nicolaus und Paul IV. aus zarterRückstcht für menschlichfühlende Herzen, die durch dieReize schöner Jüdinnen verstrickt werden könnten, diesen letztem die Verhüllung ihrer berühmten orientalisch-melancholischen Gesichter durch blaugestreiste und graue Schleier streng anbefahl — erinnert man sich dessen und all' der anderen, fast fabelhast klingenden Zurücksetzungen und Bedrückungen, und man wird mir zugestehen, daß die Männer, welche zur Linderung dieses grenzenlosen Elendes beitrugen, welche diesen allgemein gegen die Juden genährten Vorurtheilen inWort undThat entgegentraten, nicht nur in der Geschichte der Juden, sondern weil die Sache der Juden mit der Sache der