Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 61)
- Language
- German
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41 || Der Pfahlbürger war allerdings auf sein Stadtgebiet beschrankt E und wußte nichts oder so viel wie nichts von dem, was draußen 1 vorging. Der niedere Clerus kannte nur sein Kirchspiel, und der if Mönch nur das Gebiet, das er mit seinem Bettelsacke durchwan-!j derte. Nur einzelne eximirte Persönlichkeiten genossen das Privi- I legium, eine andere Welt als ihre Heimat zu sehen: der Krieger an der Spitze eines Heeres, der Botschafter eines Hofes, der geistliche oder weltliche Deputirte zu einer Kirchenversammlung, der Wallfahrer nach Rom. der Abenteurer, der von innerer Unruhe oder von Wißbegierde getrieben war, andere Länder und Völker zu sehen. I Indessen kamen auch diese, seitdem die Kreuzzüge sich in den Sand verlaufen hatten, selten über Europa hinaus, mit Ausnahme etwa der eroberungssüchtigen Venetianer und Genueser. Der Kern der christlichen Bevölkerung blieb im Mittelalter stationär und hatte nur wenig oder nur nebelhafte Kunde von dem, was auf anderen Schauplätzen vorging. Die Juden dagegen bildeten in diesem Puncte, wie in vielen anderen, eine Ausnahme. Weil sie nirgends zu Hause waren, halten sie gewissermaßen überall ihre Heimat. Sie lebten nicht isolirt. j Die Unsicherheit ihres Daseins und das. mächtige Gefühl ihres Zu- > sammenhanges mit ihren zerstreuten Brüdern zwangen sie, Verbin- ■ düngen über weite Länderstraßen zu unterhalten. Man ist erstaunt, wenn man die jüdisch-mittelalterliche Literatur erforscht, worin die! Männer, welche in einem von Mauern und festen Thoren eng eingeschlossenen Ghetto wohnten, gründlich unterrichtet waren von dem, was ihren Brüdern in fernen Ländern passirte. Man sollte aber nicht darüber erstaunen. Es gab verhältnißmäßig mehr jüdische j Touristen, welche Europa, einen Theil von Asien und Afrika kennen } lernten, als christliche. Lernbegierige Jünglinge, fahrende Studenten, ■ welche die Lehrhäuser berühmter Talmud-Autoritäten aussuchten, ] wanderten von Deutschland nach Spanien, von Rußland nach