Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2609281-2609298--4985-2612335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
er so fortfährt, kann er es weit bringen. Frau und Kinder hatte er schon, ehe er nach Deutschland kam." *) Wenige Monate, nachdem Leffing dieses Urtheil über unseren Behr abgegeben hatte, schrieb auch Boie an Knebel, Goethe's Vertrauten: „Die Gedichte des Litthauers sollen auch jetzt gedruckt sein. Sie haben Recht, die jüdische Nation verspricht sehr viel, wenn sie einmal erwacht." **) „Gedichte eines polnischen Juden« traten Ende177l wirklich in die Oeffentlichkeit. Gedichte eines polnischen Juden! Ein sonderbarer Titel, der den Dichter selbst zum Lachen brachte, Worte, die in ein paar tausend Jahren nicht beisammen gestanden haben mögen. Gleich dem Chorführer der jungen aufstrebenden Dichtertalente besang der junge Studiosus der Medicin in diesen Dichtungen Doris und Philis, Aglaja und Curonia; wie Ramler feierte er die Mädchen und das Landleben und theilte mit ihm den Enthusiasmus für Friedrich den Großen und das preußische Regentenhaus. Einige seiner Lieder haben den biedern altdeutschen Ton unserer besten Liebesdichter, lachende Bilder, Schalkheit und unschuldige Naivetät. Minder glücklich ist er in der höheren Ode; sein Ausdruck ist oft so verkünstelt, und nicht immer weiß er die Mühe zu verbergen, welche Silbenmaß und Reim ihm gekostet; unter dem Zwange der Versification leidet mancher treffliche Gedanke. Gedichte eines polnischen Juden in deutscher Sprache im Jahre 1772! Schon die Aufschrift machte, wie ein Recensent in dem „Frankfurter Gelehrten Anzeiger" bald nach dem Erscheinen sich ausdrückte, einen sehr vvrtheilhaften Eindruck, und dieser Recensent ist kein geringerer als Goethe selbst. Daß Goethe in diesen Gedichten nicht fand, was er vielleicht suchte, und noch weniger fand, als in *) Lessing's Schr. XIII., 305. **) Knebel s Nachlaß II., 111-