Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 22)
- Language
- German
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2 Nicht wenig werden meine Leser staunen, wenn sie hören, daß wir es hier mit keinem Deutschen zu thun haben! Unser unbekannter Dichter ist ein Pole, ja noch mehr, ist ein polnischer Jude. Es ist auf dem Parnaß der deutschen Poeten des vergangenen Jahrhundertes eine wenigstens eben so merkwürdige Erscheinung wie jene ewig reimfertige Schneidersfrau, oder um bei der Nationalität zu bleiben, wie der halbwahnsinnige Ephraim Kuh, der durch seine epigrammatischen Spielereien sich zu dem ersten deutschen Dichter aus jüdischem Stamme erhob. Wenigstens wurden seine schwachen Producte nächst den Minnedichtungen des Süßkind von Trimberg für die frühesten poetischen Erzeugnisse eines Juden in der deutschen Literatur gehalten, ohne zu beachten, daß unser Dichter ihm in jeder Beziehung den Vorrang streitig macht. Jsachar Falkensohn Behr — das ist der Name unseres Sängers — hat gerechte Ansprüche, den Barden des vergangenen Jahrhunderts zugczählt und mit einem Uz, Götz und Ramler auf gleiche Linie gestellt zu werden. Die Zeit jener großen Entwicklung, jener lebendigen, allverbreiteten Productivität in Literatur und Kunst hat auch ihn zur Thätigkeit angespornt; er war eine jener dilettantenhaften Naturen, welche eine geistig rege Zeit hervorzubringen und zu wecken pflegt. Sein Schicksal ist höchst sonderbar. Geboren im Jahre 1746, in einem der traurigsten Winkel Europas, in dem polnischen Städtchen Zamocs, wuchs Behr unter halben Wilden und dem verachtetsten Haufen seiner Glaubensgenossen ohne Erziehung und jeden anderen Unterricht auf, als den, welchen rohe poinischeLehrer in verräucherten Winkeischulen ihm ertheilten. Seit früher Jugend feilschte er mit den polnischen Bauern. Später verließ er die Heimat und wanderte nach Preußen, um, wie er selbst gesteht, Geld zu erwerben. Welch' höheres Verlangen konnte auch ein Mensch wohl hegen, der einer unter Bedrückung und Mißhandlung stets seufzenden, in