Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 215)
- Language
- German
- Belongs to
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191 Vogel noch hätten . . Er hätte vor dem lauten Geschmetter kein Äuge schließen können.« »Ephraim, warum erinnerst Du mich d'ran!« rief Veilchen und brach in neues Schluchzen aus. »Wo mag der Vogel jetzt sein?«.. Ephraim setzte sich neben die Schwester und reichte ihr die Hand. Und so saßen die Geschwister noch lange in den Nachmittag hinein nebeneinander, der Bruder die Schwester tröstend und aufrichtend, das Mädchen verzweifelnd und gebrochen. Ost sprachen sie kein Wort mit einander. Endlich regte es sich drin in der Stube, Schritte wurden vernehmbar. Ephraim sprang auf und stellte sich wieder an die Lhüre, um zu lauschen. »Er ist wach!« winkte er der Schwester zu, und leise trat er in die mit Vorsicht geöffnete Thüre. Anschel ging mit schweren Schritte» die Stube auf und nieder. »Hat Dir der Schlaf geschmeckt, Vater?« fragte Ephraim schüchtern. Anschel blieb vor dem Sohne stehen. Sein Antlitz war noch immer hoch geröthet, aber seine Augen hatten die gläserne Farbe verloren, er blickte klar und scharf. »Ephraim, mein Sohn.« sagte er so wohlwollend, daß davon das Herz des Angesprochenen freudig erzitterte. »Ich weiß, daß Du ein tüchtiger Geschäftsmann geworden bist, wie es kaum einen zweiten gibt. . Glaub' nur nicht, daß ich nicht Alles weiß. Der Weg von Wien hieher ist weit, da kann man mehr hören, als man in einein Tage verzehren kann. . . Aber einen Rath will ich Dir geben, der ist in deiner Lage nicht um Tausende von Gulden zu verachten: Laß nie einen Schlüssel in deinem Kasten stecken!« Ephraim sah zu seinem Vater mit einem Ausdrucke von Verblüfftheit auf. Redete er irre oder waren es die Geister des genossenen Weines, die so aus ihm sprachen? In demselben Rngenblicke