Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 194)
- Language
- German
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170 »Ephraim,« sagte Gudule, »red' doch deiner Schwester zu, wenn ich nicht mehr da bin. Weilchen ist im Stande und trägt ihrem eigenen Water Haß nach. Darf das ein jüdisches Kind?« »Warum ist er so schlecht gegen Dich?« knirschte Veilchen mit den Zähnen.... Endlich kam der letzte, vernichtende Schlag. Nachdem Anschel einige Wochen abwesend gewesen war, langte eines Tages ein Schreiben unter Gudule's Adresse — aus einer Strafanstalt in der Nähe Wiens an. In dem Briese wurde ihr in Ausdrückung der äußersten Schonung mitgetheilt, ihren Mann habe daL Unglück betroffen, eine falsche Unterschrift auf einen Wechsel gesetzt zu haben. Sie werde ihn jetzt durch fünf Jahre nicht zu sehen bekommen. Gott möge sie trösten. Der Brief trug die Unterschrift: »Won einem Leidensgefährten ihres Mannes.« Gudule erging es wie dem alten Randar, ihrem Vater, nachdem er den letzten Abschied von ihr genommen. Sie brach innerlich zusammen, und ohne daß das an ihr nagende Todesleiden nach außen eine merkbare Spur auswies, waren ihre Tage gezählt. An einem Freitagabende, kurz nachdem das Friedenslicht der siebenzinkigen Lampe augezündet worden, berief Gudule die Kinder zu sich an den Lehnstuhl, von dem sie den ganzen Tag nicht aufgestanden war. Ein seltsam leuchtendes Lächeln auf ihren Lippen, ein eigenthümliches Glänzen ihrer noch immer schönen Augen, dazu ein befremdendes Auf- und Niederathmen ihrer Brust ... sie erschien ihren Kinder» so verwandelt! »Kinder,« sagte sie, »stellt Euch da, Jedes auf eine Seite. Ephraim, Du zur Rechten, und Du, Weilchen, zu meiner Linken. Ich mvcht' Euch einmal ein klein Geschichtchen erzählen, wie man Kindern erzählt, die man in Schlaf bringen will. Soll ich?« »Mutter!« rieft» die Kinder aus einem Munde und beugten sich zu ihr herab.