Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 192)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2609281-2609296--4894-2612243- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
168 »Du meinst, Gudule —« schrie er, indem er die Hand wie zu einem Schlage aushob. Dann sank er in den Stuhl zurück und brach in em krampfhaftes Schluchzen aus. »Gudule, mein Herz!« rief er. »Ich bin nicht werth, daß deine Augen auf mich sehen. Ueberall, wo ich gehe und stehe, sehen sie mich an .. und das ist mein Unglück. Mach' ich schlechte Geschäfte, wo es immer ist, so fragen mich diese deine Augen: Warum hast Du Dich eingelassen, und denkst Du nicht an Weib und Kind?.. Dann bin ich wie von einem bösen Geist geplagt. Ich möcht', daß Du mich wieder so anflehst, wie Du mich als Braut angesehen hast — so glücklich, so merkwürdig schön! Dann denk" ich mir: Einmal muß sich das Glück doch mit der ganzen Faust packen lassen.. dann wird auch meine Gudule wieder die Augen aufheben können... Und so komme ich aus einem Unglück ins andere. Sieh mich lieber gar nicht an, Gudule! —* Es war eine jener selbstanklagenden Stimmen, wie sie zuweilen aus der zerrütteten Seele solcher Menschen säst ohne äußeren Anstoß hervorbrechm. Schon war Gudule so weit gekommen, daß sie diesen Ansschrei seines Gewissens nach seinem eigentlichen Werthe schätzte. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß Anschel in dieser Minute die vollste Wahrheit gesprochen, für die nächste Zukunft war sie ihr ein inhaltloser Schall! So waren Jahre dahingegangen. Die Kinder wuchsen allmälig heran. Ephraim war in sein fünfzehntes Jahr getreten, Weilchen war ein zwölfjähriges blasses Mädchen. Nach dem Ausspruche der »Gaffe« waren es die merkwürdigsten Kinder »von der Welt«. Gudule erzog sie mitten in dem wüsten Leben, an das sie die Ehe mit dem Spieler kettete, daß sie Spiegelbilder ihres eigensten Wesens wurden. Die Leute wunderten sich, wie aus Anschel's Kindern so etwas werden konnte. Sie waren nicht anders wie vornehme »Grasenlinder« anzusehen, sie trugen dieselbe adeligstolze Natur wie