Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 300)
- Language
- German
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274 ziger Mann geworden — und daß Blümele verschollen geblieben ist! Esther war einige Monate nach der Heirat ihrer Tochter gestorben. War es der Gram um den unheilbar zerstörten Frieden ihres Hauses, oder die nie zu stillende Sehnsucht nach der verlorenen Tochter — seit jener grauenvollen Nacht, die dem Versöhnungstage gefolgt, war sie in ihrem innersten Wesen gebrochen, das Leben in ihr fand keine Quelle mehr, aus der es neue Erstarkung sog. Als sie ihre letzte Stunde herannahen fühlte, hieß sie die »frommen Weiber«, die bei ihr schon mehrere Tage gewacht hatten, da ihrer Auflösung stündlich entgegengesehen wurde, aus dem Zimmer sich entfernen, und winkte ihren Mann zu sich. »Jacob Löw!« sagte sie, sich mühsam erhebend, seine Hand mit ihrer bereits erkalteten berührend, »thue mir den letzten Gefallen. . .« »Ich weiß, was Du reden willst, Esther,« sagte er tieftraurig . . . »rede darum lieber nichts.« »Verzeih' ihr, Jacob Löw! verzeih' ihr!« rief sie, und ein leuchtendes Roth höherer Erregtheit flog vorübergehend über ihre blassen Züge. »Red' nicht weiter, Esther!« brachte Jacob Löw mühsam hervor. »Soll ich Dir eine Lüge als Wegzehrung in die jenseitige Welt mitgeben? Das Kind hat mir zu viel angethan!« »Merkwürdig! merkwürdig!« meinte Esther nach etuer guten Weile, während sie die zu einem längern Sprechen nöthige Kraft erlangt zu haben schien. . . »daß doch gerade solche Eltern am meisten böse auf ihre Kinder sind . . . wenn sie selbst die Schuld haben, daß diese Kinder nicht gerathen sind.« »Esther!« rief Jacob Löw. »Laß' mich reden, Mann! es ist ohnehin! mein Letztes.