Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1860-01-01 · Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860) · p. Seite 272

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 272 (sequence 298)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2609281-2609294--4644-2611992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

272 Der Hochzeitszug setzte sich in Bewegung; die Trauring selbst fand in der angrenzenden Stube statt, wo der Trauhimmel aufgerichtet stand. Bei dem darauffolgenden Hochzeitsmahle ging es still und einsylbig zu. Weder Jacob und Esther, noch das junge Ehepaar rührten eine der Speisen an, dagegen erwiesen die eingetadenen zehn armen Leute und die frommen Weiber den Genüssen der Tafel aüe Ehre. Nachdem abgespeift und das Tischgebet verrichtet worden war, stand Jacob Löw rasch auf und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Da nahte sich ihm Jaques, seine junge Frau im Arme. »Vater,« rief er, und es schien ihm Ernst, was er sprach, »haben Sie Erbarmen mit uns . . . Ich will ja Alles wieder gut machen...« »Gut machen?« rief dagegen Jacob Löw mit furchtbaum Hohne, ohne den Schwiegersohn eines Blickes zu würdigen. »Ihr Kind wird für mich doch keinen Kadisch sagen.« Dann ergriff er Esther's Arm . . . »Komm, Esther, mein Kind,« sagte er, und seine gebrochene Stimme offenbarte erst jetzt, daß seine bisherige Fassung nur eine erkünstelte war. »Komm, laß' uns in unser stilles Haus zurückkehren. Was haben wir noch zu erwarten? Fünf Kinder haben wir bereits begraben, das sechste folgt ihm jetzt nach! Denk' Dir schon jetzt, daß wir Zwei einsam sterben werden, und wird Niemand dabei sein, als höchstens ein frommes Weib oder Einer von der heiligen Bruderschaft! Was braucht Dir aber daran zu liegen? Mit unserem Gelbe werden wir eine Stiftung begründen, und da wird sich schon ein armes Waisenkind herbeischaffen lassen, das uns an unserer Jahrzeit Kadisch nachsagen wird . . . Und jetzt komm, Esther! . . .«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.