Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 81)
- Language
- German
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65 I hören. Erst als die Liturgie ihren Abschluß gefunden, waren die Chazanim aus den Vertrag beschränkt und reisten in der Regel in Begleitung eines Ouartettpersonales, den Ohrenschmaus in die Ferne zu tragen. Sie waren meist »gute Menschen, aber schlechte Musikanten«. Die Schalksnarren — eine Nachbildung deutscher Hofnarren — hatten die Mission, zu erheitern, die Freuden der Hochzeiten zu erhöhen und die schöne Kunst zu vertreten. Sie mißhandelten zuweilen auch Geige, Harfe und Flöte, waren geschickte Wortsongleurs, Witzbolde, Reimschmiede, und hatten oft den Muth, die ungezogenen Kinder ihrer Laune im Druck erscheinen zu lassen. So ringen Schlome Sing er's Romane noch immer mit den daraus sich regenerirenden Motten um die Unsterblichkeit. Ost reisten die Schalksnarren in Gesellschaft, um Dramen auszuführen, deren Dialoge alle ertemporirt wurden und die so schnell vergingen, als sie entstanden sind; doch ist die Ahasverus-Comödie glücklich dem allgemeineil Verderben entronnen. Die fünfte Elaste endlich bilden die Landstreicher von Profession, ein ruheloses Gesindel, dem das Herumirren zur Natur geworden und das schon hart an das Gaunerthum streift. Diese Art fahrender Leute nannten die deutschen Juden Schnorrer, und wollen damit eben die Zunftbettler bezeichnen, welche die freieste aller Künste als Gewerbe Betreiben. Betteln können ist ihr Ruhm, Armuth ihr Capital, Noch und Gebresten ihre Fundgruben, und die Mitgift ihrer Töchter ist das Lob: »Sie können betteln!« Unverschämtheit, Neid, Bosheit, Ränkesncht llnd Lüge sind ihre Waffen, Trotz nnb Geusenstolz ihre Burg und meistens Deutschland der Schallplatz ihrer wüsten Heldenthaten. Der Grund dieser letzteren Erscheinung ist theils aus den Schatten-, theils aus den Lichtseiten des deutschen Charakters