Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 107)
- Language
- German
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69 nicht, wie ihre Nachbarn am Rande der Ewigkeit, deren Gräber an das ihrige gränzen, der heiligen Sache des Glaubens ihr Leben zum Opfer, so war es doch das nächst dem Leben theuerste Gut der Frauen, die schamhafte Sitte, die züchtige Weiblichkeit, welche sie aus Liebe zu ihrem Volke dem mächtigen Herrscher preisgegeben. Noch leben im Munde des Volkes, wie in der stummberedten Sprache ihres Grabsteins, die sittliche Güte, die religiöse Frömmigkeit dieser »Esther des Nordens,« besonders aber die Wohlthaten, welche sie durch ihr Ansehen beim König ihren damals innerlich und äußerlich sehr gesunkenen Glaubensgenossen thatkräftig zugewendet. Wie die damaligen orthodoxen Rabbiner in dem sehr bigotten Lemberg, welche ihre »Rechtgläubigkeit« nicht zum Aushängeschild ihres Hochmuths getragen — wie es in den später» entarteten Zeiten leider nur zu oft geschah — sondern bescheiden und liebevoll in des Herzens Tiefen bewahrten, dieses Liebesverhältniß aufgesaßt und beurtheilt haben, ist aus folgender Anecdote zu ersehen. Der König ließ sich bei seiner Freundin auf einen bestimmten Abend zum Besuche ansagen, weleber zufällig der Eingangsabend — von Zom Kipur war. Die fromme, gottessürchtige Adele schickte bestürzt zum Lemberger Oberrabbiner, um anzusragen, wie sie sich zu verhalten habe. Dieser ertheilte der modernen »Esther« die Erlaubniß, nicht nur den König an diesem zwiefach heiligen Abend liebevoll zu empfangen, sondern auch, wenn nicht auszuweichen, trotz der strengen Fasten, an dem ihm zu Ehren bereiteten Abendmale Theil zu nehmen; und das alles »um nicht gegen des Königs Majestät zu verstoßen« (mz^on -1123 msd). * * *