Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 85)
- Language
- German
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47 längst verblichene Zeit mit Hieroglyphenschrift auf überlieferte Tafeln schrieb und die in unfern Tagen nur den Werth und die Weihe der Antiquität haben. Was beginnen diese Kleinen, großgeworden, mit all' ihrem antiquen Wissen, mit all' den gewonnenen Schätzen uralter Weisheit, nachdem sie ihre schönsten Jahre, ihren besten Fleiß bei ihrer Erwerbung erschöpften und auf den großen Markt des Lebens nichts bringen als papierene Mumien? In einem Winkel auf einem hölzernen Schemel sitzt ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Jahren, beschäftigt Zizes anzumachen. Das Gesicht des Knaben ist fahl und gelb wie sein Haar, das in zwei langen Büscheln von den Schläfen bis zum Bart hinuntersteigt. Auf dem glattrasirten Kopfe sitzt das schwarze Sammtkäppchen mit vielen Spuren vom Federbett, das er unlängst verlassen haben mochte, denn es fehlen ihm zur Vervollständigung seiner Toilette noch Pekesche und Gürtel, die an einem Nagel am Fenster hängen. Dieser Junge ist das Kind des Hauses, die Liebe der Mutter und der Schrecken des Vaters, vor ihm erstarrt die Hand mit dem sausenden Pfeifenrohre. Gerschon spielt eine hochwichtige Rolle im Cheder. Er holt den Kindern das Essen, wenn sie zur Strafe oder aus Zeitmangel nicht zum Miltagmal heimgeschickt werden, wofür er sich unterwegs seine Provision in natura holt und sich dann überdies für den freundschaftlichen Dienst bezahlt macht. Er knüpft die Zizis an Talis und Arbekanfis für sämmtliche Schüler und deren Väter; er hält die Beine der Kleinen mit Menschenfreundlicher Dienstfertigkeit, wenn sie auf eine Weise gestraft werden, daß ihnen der Estrich zur Decke wird; er schleppt häuslich gesinnte Kinder gewaltsam ins Cheder, um sie an der Schwelle gegen ein Lösegeld sreizugeben; er sufflirt ihnen, wenn sie ins Stocken gerathen und es aus den buschigen Augen seines Vaters zornig blitzt, kurz er ist der Engel und der Teufel der ganzen kleinen Welt.