Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 289)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609290--3949-2611295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
245 bis so ein Lehrer kommt, und sie um Gottes willen zum Weib begehrt? Wie kann ein Mensch, der alle seine fünf Sinne gesund bei einander hat, gar auf solche gottgeschlagene Narretheien gerathen? Die Welt müßt' sich doch curios ans den Kopf gestellt haben, daß ich meine Tochter möcht' — einem Lehrer geben.« Jetzt riß eine Gewalt, die wie ein Feuerstrom seinen ganzen Leib durchglühte, dem Lehrer die Hände vom Gesicht. Nun war er an jener Stelle seiner Seele getroffen worden, die der verwundbarste Fleck seines Daseins war. Das Heiligste war von den breiten Tatzen dieses Lazar Winterfeld angefaßt worden; das, woran der Lehrer mit den feinsten Fibern seines Gemüthes hing, blutete unter den Fängen der rohesten Rede. Arnsteiner sprang auf, er wollte wirklich an den Beleidiger seiner Ehre; er hätte ihn in der That ermordet; aber in demselben Augenblick taumelte er wieder auf die Bank zurück. Neben Sidonia stand ein fremder, ihm ganz unbekannter Mann; noch ein Zeuge seine Schande! »Wer ist das?« schrie er außer sich. Sidonia verneigte sich tief vor dem Lehrer. »Wenn Sie es erlauben, Herr Arnsteiner,« sagte sie und ergriff den fremden Mann an der Hand, »so habe ich die Ehre, Ihnen hier Herrn Arthur Brandeis aus Kollin vorzustellen. Er ist seit heute Nachmittag mein Bräutigam — auch ohne Kopfrechnen!« Und Arnsteiner bedeckte aufs Neue sein Angesicht. Jetzt hörte er, wie der neue Bräutigam halblaut zu Sidonia sagte: »Es ist genug! Lassen wir ihn jetzt gehen!« Diese wenigen Worte waren aber von wunderbarer Wirkung aus des Lehrers Zustand. Berrathen, entwürdigt, verhöhnt, daß sich jeder Nerv dagegen ausbäumte, hatte er dennoch keinen Laut dafür,