Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 283)
- Language
- German
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239 ist die höfliche Bitte eines liebenden Mädchens an einen gebildeten Mann, dem sie etwas Angenehmes zu sagen hat. Das ist der gewaltige Unterschied!« Mitten inne siel es dem Lehrer auch ein, an die Tochter der Federschleißerin zu denken. Er wollte ihr die Bemerkung über den feinen Unterschied zwischen Rendezvous und Stelldichein morgen auseinandersetzen. »Sie hat einen guten Kopf,« sagte ec vor sich hin, »es kann ihr nicht schaden, wenn sie es weiß.« Während sich so der Lehrer dem Spiel seiner Einbildungskraft hingab, dabei weder an die schuldigen Lectionen, noch an Speise und Trank dachte, war die Nacht herabgesunken. Zn der Stube war es finster geworden. Die Zeit des »Begeben Sie sich« war gekommen. In diesem Augenblicke blickten vielleicht schon zwei sehnsüchtige Augen zum dunklen Nachthimmel und fragten ihn leise, ob die Sterne, die daselbst angezündet waren, nicht gar zu Helle scheinen. Mit Fieberschauern im Herzen, die sich bis auf die Hände erstreckten, so daß er in der Dunkelheit mehrmals die Thürklinke fahren ließ, die er schon erfaßt hatte, huschte er aus dem Hause. Draußen fiel es ihm zum ersten Mal seit vielen Jahren ein, daß er die Zimmerthüre zu schließen vergessen habe. Der Mensch ist bei den strengsten Grundsätzen schwach, dachte er — wie konnte er wissen, ob nicht morgen ein Haufen fremder Menschen in dieser Stube herumstöbern würde?-Einen Augenblick dachte er sogar daran, ob er überhaupt schließen solle? Die Flucht wurde dann gleichsam verdeckt, und die Sucher auf andere Spuren geleitet. Dennoch enrschloß er sich dafür, der Furcht vor Dieben nachzugeben; er tappte durch den finstern Hausgang zurück und drehte den Schlüssel zweimal im Schlosse herum. Die Tochter der Federschlei-