Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 258)
- Language
- German
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214 »Sagen Sie nicht zu schwer, Sidonia,« meinte Arnsteiner zu seiner Schülerin, »solche Rechnungen liegen nur außerhalb Ihres Verständnisses. Sie haben noch niemals mit Wolle gehandelt.« »Das ist Dir zu schwer?« rief Lazar Winterfeld, die Hände ineinanderschlagend. »Das kann ja Einer, der nicht einmal weiß, wie eine Ziffer ausfieht, mit dem bloßen Kopse herausbringen! Um Gottes willen! was wird dein Mann dazu sagen, wenn Du so schlecht vor ihm bestehst? Mit Schimpf und Schande wird er Dich sortjagen.« »Fortjagen?« rief das Mädchen mit blitzenden Augen. »Das wäre mir ein schöner Mann, der seine Frau wegen einer Rechnung, die fie nicht zu machen weiß, fortjagen könnte!« In Julius Arnsteiner's Seele hatte die Erbitterung über das Vorgefallene ihren Höhepunct erreicht; wenig fehlte und fie hatte, aller Dämme der Besonnenheit spottend, Verwüstung und Verderben gebracht. Noch beherrschte er fie mit einem schwachen, erzwungenen Lächeln. »Die Anschauungen Ihres Herrn Vaters über die Rechte eines Mannes,« sprach er zu seiner Schülerin, »scheinen auf den talmudischen Anschauungen zu bafiren, die im Orient ihren Ursprung haben, wo die Stellung der Frau nur wenig über die einer Sclavin hinausragte. Gottlob! wir leben jetzt unter den Gesetzen der Civilisation und diese erheischt als rechtlichen Grund zu einer — Scheidung, denn fortjagen kennt unser Gesetz nicht, — etwas Anderes als eine schlechte Rechnung oder eine angebrannte Suppe.« »Was Hab' ich da davon?« rief Lazar Winterfeld mit einem ärgerlichen Achselzucken. »Sieh'Dir deine Mutter an, Zirl, die kann Dir solche lumpige Rechnungen im Schlaf machen und wird keinen Fehler begehen! — Meinst Du, wir hätten es zu etwas gebracht, wenn ich und deine Mutter nicht rechnen könnten?«