Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1858-01-01 · Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859) · p. Seite 213

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
Date
1858-01-01
Page
Seite 213 (sequence 257)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2609281-2609290--3917-2611263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

213 Briefschreiben, wer kann das gleich wissen? Geben Sie ihr einmal eine Rechnung auf, Herr Arnsteiner, da können wir auf der Stelle sehen, wie weit sie es darin gebracht hat.« »Ist heute Ihre Rechenstunde, Sidonia?« fragte der Lehrer, sich aufs Neue zu seiner Schülerin wendend, die verneinend den Kopf schüttelte. Lazar Winterfeld schien aber^diese Frage vielleicht absichtlich zu überhören. »Was brauche ich zuletzt Sie dazu!« rief er. »Ich kann ihr ja selbst die Rechnung aufgeben; sie braucht nicht einmal Griffel und Schreibtafel dazu. Bei mir muß man Alles aus dem Kopfe rechnen können.« Er hatte sich zu diesem Geschäfte wieder niedergelassen. »Zirl,« sagte er, »kannst Du mir das ausrechnen? wenn ich auf dem Pester Markte den Centner Wolle mit 89 si. 40 kr. einkaufe, bis ich ihn nach Reichenberg bringe, kostet er mich 9.3 fl. 20 kr., verdienen muß ich doch auch etwas daran und dem Tuchmacher muß ich die Wolle borgen, und länger als ein Jahr auf die Bezahlung warten. Was soll ich aber machen? Der Tuchmacher setzt die Waare auch nicht sogleich ab; wie theuer muß ich also den Centner Wolle verkaufen, wenn ich 25 Procent gewinnen will?« Lazar Winterfeld hielt inne; er schaute die Tochter erwartungsvoll an. Nach seiner Ansicht konnte ein sechsjähriges Kind diese Aufgabe lösen. Julius Arnsteiner konnte aber ein ironisches Lächeln nicht unterdrücken, das beinahe unheimlich über sein sonst gutmüthiges Antlitz hinschlich. Mehr als die Prüfung seiner Schülerin beschäftigte ihn in diesem Augenblicke der Gedanke, daß der Wollhändler den schönen Namen »Sidonia« in das häßliche »Zirl« verwandelte. Ein neuer Eingriff der Unbildung. Nach einer Weile rief Sidonia lachend: »Die Rechnung kann ich nicht machen, Vater, die ist mir zu schwer.«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.