Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 177)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609290--3837-2611183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
133 drückt den Ring auf den dargereichten Finger, er nippt durstig vom Weine nach einem Hungertage, er sprengt den Kelch in Scherben, daß klirrend die Stücke springen, und ist — mit einem Fuße im Cheder, mit dem andern im Ehestand! Es war höchste Zeit; siebzehn Jahre! War doch sein Vater fünfzehn jung, als er unter der Chuppe stand, die Mutter sechzehn geworden, als sie ihn unter dem Herzen trug. Ach, das Geschlecht artet aus! Die Jahre gehen schnell dahin und schleifen uns nach. Mendels Eltern sind heimgegangen in's Reich der Schatten, der Furcht und der Erwartung, in jenes Reich, wohin sich die Hoffnung zurückzieht, wenn sie hier ermüdet, wohin die Frömmigkeit ihre Schätze trägt und der Glaube den Lohn für weltliche Entsagung sucht. Betrübt, hilflos und unbeholfen, auf sein eigenes Unvermögen angewiesen, blieb Mendel zurück; er hatte bisher nie Sorge gekannt, nie an die Gegenwart und Zukunft gedacht, er hatte es den Eltern überlassen für ihn zu sorgen und zu arbeiten; jetzt, da sie heimgegangen waren, stand der Sohn planlos da, ohne zu wissen was er beginnen und unternehmen solle. Er hatte nichts gelernt als den Talmud, und das ist kein Vrotstudium, er weiß nichts als diesen und das nährt nicht den Mann. Doch hat der gute Vater für sein gutes Kind gesorgt und gespart; altes Silbergeräthe, alte und neue Münzen, Kleider mit Seide und Pelz, Hausgeräthe in Kupfer und Messing blieben dem Erben zurück, der die alten Sachen zum Trödler trug und den Erlös in den Kasten schob. Leider kannte er keine Mittel die tobten Klumpen zu beleben und das Erz wachsen zu machen und er schöpfte seinen täglichen Bedarf aus der gefälligen Truhe, er schöpfte so lange und unverdrossen, bis er eines schönen Wintermorgens vor der offenen Lade stand und hineinsah, ohne nur eines jener zauberstarken Plättchen zu entdecken, die eine so