Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 111)
- Language
- German
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67 Dennoch hat es sich uns klar erschlossen, daß in jeder der Sezeichneten Richtungen noch viel, sehr viel zu wünschen erübrigt. Für den Einen Moses des Michel Angelo und für die eine oder andere treffliche Leistung auf dem Gebiete der Malerei: wieviel nicht des Verfehlten und Ungenügenden selbst von der Hand großer Meister, aus mangelndem Verständnisse! Ebenso treffen wir bei unverkennbarer Begabung der Juden für plastische Kunst doch nicht Größen und Genies, die wir unseren jüdischen Tonmeistern und Virtuosen oder dem Mimentalente einer Rachel zur Seite zu stellen vermöchten. Und auch das Mäcenat der bildenden Kunst ist unter den heutigen Zuden noch im ersten Stadium seiner Entwicklung begriffen. Wahren wir uns zuvörderst vor möglichen Mißverständnissen. Es ist gewiß in vielen Fällen weder räthlich noch ausführbar, daß die Kunst irgend einen conseffionellen Character an sich trage. Aber es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß oft und große Zeiträume hindurch die Interessen der Kunst sich mit jenen der Religion auf das innigste verbanden und dadurch der elfteren eine besondere Signatur ausgedrückt wurde. Was wir an griechischer und römischer Baukunst und Sculptur noch heute und noch in Ruinen bewundern, das liegt nicht in der Kunstvollendung allein, sondern in ihrer Verbindung mit der Erhebung zum Ideale des Göttlichen, und das Wunderwerk der Welt, der olympische Jupiter, mußte als Gott aus der Künstlerphantasie eines Phidias erstehen. Ein ganz neues Gebiet aber errang sich die christliche Kunst durch die Malerei, die wir in ihrer Wiedergeburt und ersten Blüthezeit fast ausschließlich dem Dienste der Kirche geweiht finden. Mit der Reformation, welche die Bilder aus ihren Bethäusern bannte, blieb diese Tendenz auf die Länder beschränkt, welche der neuen Richtung verschlossen blieben. Der protestantische Norden stellte sich wieder auf den neutralen Boden der Kunst und wandte sich mit entschiedener Vorliebe weltlichen