Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 433)
- Language
- German
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394 Als Rosel diese langathmige Klageschrift ihres ehemaligen Lehrers zu Ende gelesen hatte, entstand eine minutenlange Pause zwischen ihr und Josseft Sie sahen sich gegenseitig an , denn der Eindruck, den das Schreiben auf Jeden einzeln hervorgebracht, war ein verschiedener. Da mit einem Male brach Rosel in ein unbändiges Gelächter aus und tanzte auf dem Mühlsteg, zur großen Verwunderung Joffefs, hin und her, den Brief dabei in die Höhe haltend. »Was treibst Du, Rosel?« fragte er ernst. »Macht Dich der Brief so lustig? Es kommt mir doch vor, so viel ich davon verstanden habe, sagt er Dir einige tüchtige Wahrheiten — und dann? willst Du ihm denn nicht den Gefallen thun, und aus seinen Büchern lesen?« Da hielt Rosel in ihrem Lachen plötzlich inne. »Joffes!« rief sie in einem Tone, der wie Vorwurf klang. »D'rin in dem Briefe,« sagte dieser nach einer Weile finster vor sich hinblickend, »da steht es geschrieben, daß man nichts ist, gar nichts, wenn man nicht Kettensatz und Sprachlehre kann, oder ein französisches Buch versteht —« »Nun?« fragte Rosel tief athmend, da Joffes innehielt. »Wie leicht kannst Du es doch bereuen,« sagte dieser, »daß Du dem Rathe des Herrn Arnsteiner nicht gefolgt hast — wird fich's dann in Dir nicht rühren und regen, daß Du bei uns geblieben bist, bei »ungebildeten« Menschen, wie dein Lehrer sagt, während Du —« »Bücher auf Bücher hätte lesen können, nicht wahr, das willst Du sagen?« rief Rosel laut lachend und legte ihm die Hand auf den Mund. »Da sieh her, was mir an den Büchern liegt, die Dir so schrecklich Vorkommen,« rief sie, indem sie an das Geländer des Mühlsteges sprang.