Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 373 (sequence 412)
- Language
- German
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373 »Du, Mosel, die weiße Henne wirst Du auch nicht mehr lange haben.« »Warum nicht?« »Am Dinstag kommt der kleine Rebb Wolf, der Schächter, .der wird die weiße Henne nehmen und sie —« »Das darf nicht sein, Rebb Feiwel!« rief das Mädchen, lebhaft. »Weswegen nicht?« »Die Henne ist mein Lieb-ling, und ich habe sie aufgezogen.« »Narrelc,« meinte der Bauer lachend, »glaubst Du denn, ich werde Dir etwas wegnehmen lassen, was Dir lieb und theuer ist? Meinethälb kann die weiße Henne ein Alter erreichen, wie meine Urbabe, die in ihrem hundert und zehnten Jahre gestorben ist.« Ganz anders benahm sich Gitel an diesem Tage gegen Mosel. Sie wich ihr aus, wo sie nur konnte, und sie, die Frau mit dem reinen Gewissen, senkte betroffen ihr Auge, wenn sie zufällig mit dem Mädchen zusammentraf. Denn aus aller Pein und Aufregung der verflossenen Nacht hatte sich in ihr ein sonderbarer Gedanke festgesetzt, und der lautete am frühen Morgen: Wenn Hannele Ehrenseld von der Sache hören wird, ift’S ein Wunder, wenn ich dann wie eine Diebin vor ihr stehen werde? Sie gibt mir ihre Tochter aufzuheben und denkt dabei an nichts Schlechtes — und jetzt, da die Zeit der Zurückgabe gekommen ist, will ich mir sie behalten, weil sie mir gefällt. Wird sie mir nicht mit Recht ins Gesicht hineinsagen können, ich hätte das mit »Fleiß« angestellt, hätte die Tochter nur darum ins Haus genommen, weil ich einen großen Sohn habe, und weil mir die reiche Mitgift gefällt?« Seit sie die Absichten ihres Mannes erfahren, kam sie sich gleichsam nur als dessen Mitschuldige vor, als Theilnehmerin an