Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 393)
- Language
- German
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354 »Ich habe nur sehen wollen, Mutter, ob noch ein Biffele Kraft ist in mir,« rief er, und mit einem mächtigen Fußtritt schob er den Baumklotz wieder an dessen frühere Stelle zurück. Einem Mutterauge, sagt man gewöhnlich, ist die Kunst gegeben , in der Seele des Kindes selbst da zu sehen und sich auszukennen, wo für jedes andere Dunkelheit und Finsterniß ist. Diesmal jedoch machte Gitel die Bäuerin davon eine Ausnahme. Ihr Auge, ihr geistiges sowohl, wie ihr leibliches, ruhte seit der Ankunft Rosels auf keinem andern Wesen, als auf dieser; für die kleinste Regung dieser ihr anvertrautcn Pflanze hatte sie die Aufmerksamkeit eines Gärtners; aber in ihrer Freude an dem neuen Kinde, in ihrem Glücke, daß Rosel in ihrem eigenen Hause der Gesundheit an Leib und Seele entgegengehe, vergaß sie nachzuforschen, was die verdrossene Miene ihres Zossefs, sein unlustiges Wesen, und eine gewisse Bitterkeit, die man sonst nicht an ihm kannte, zu bedeuten hatten. Die Bäuerin ging nämlich von der irrigen Ansicht aus, daß Jossef noch immer gegen die Aufnahme des fremden Mädchens sei. Sie hatte es nicht vergessen, wie er dagegen geeifert, und in seinem Zorne sogar harte Worte gegen die eigene Mutter gebraucht hatte. Zn Wahrheit jedoch war es Gitel in dieser Hinsicht gleichgiltig, was Rebb Feiwel oder ihr Sohn über Hannele's Tochter dachten oder zürnten. In der Ausschließlichkeit ihrer Liebe wollen so kraftbewußte Naturen, wie die unserer Gitel, nicht beirrt sein; selten gewahren sie, wenn sie einmal irgend einWesen in denKreis ihrer Thätigkeit gezogen haben, was zur Rechten oder zur Linken vorgeht; ja sie wollen sogar nichts gewahren. Gitel war es sich bewußt , daß sie erfolgreich in das ganze Leben Rosels eingegriffen, daß ihr energisches Auftreten zum guten Theile mit daran Schuld war, wenn sich das neue Wesen des Mädchens so vortheilhaft entwickelt hatte. Zudem war es der Bäuerin nie vergönnt gewesen,