Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 336 (sequence 375)
- Language
- German
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336 als wäre er mein Bedienter und ich eine Prinzessin, und auch deinen Sohn habe ich beleidigt.« »Wieso?« fragte Gitel. Ein flüchtiges Erröthen flog über das liebliche Antlitz des Mädchens, die Bäuerin bemerkte es aber nicht. »Euch Alle habe ich verletzt und beleidigt, Dich vor Allen, Mutter, die Du mir doch so liebreich entgegengekommen bist. Du aber hast Dich daran nicht gekehrt, Du hast Dich nicht gescheut, mich gerade da anzugreifen, wo mich kein Anderer zurechtgewiescn hätte! Du hast mir mein Buch weggenommen —« »Laß gut sein, Mosel Leben,« meinte Gitel, und es klang fast wie Entschuldigung, »laß gut sein, ich Hab' es Dir weggenommen, weil ich ,nicht wollte, daß Du in der Nacht daraus lesen sollst.« »Nein, nein, Mutter,« rief Mosel, »nicht für die Nacht allein! Meine Bücher paffen überhaupt nicht hieher; ich habe Unrecht gehabt, sie mitzubringen! Was soll ich hier auf dem Dorfe damit? Davon werd' ich hier nicht gesund!« So klagte das Mädchen selbst sich an; so demüthigte sich eine Natur, die plötzlich aus kindischem Trotz und Eigenwillen, aus Verwöhnung und Verfeinerung zur vollen Blüthe aufgebrcchen war. Niemand hätte sagen können, wie das geschehen war, nicht einmal das Mädchen selbst. Mosel hatte in ihrer eigenen Seele einen unbekannten Schatz entdeckt — nun lag er zu Tage. Aber nicht darin bestehen solche Wunder, wie sie der Menschengeist täglich offenbart, wer sie nur zu beobachten versteht. Daß es Gitel, die vergessene Bäuerin auf einem einsamen Dorfe, sein mußte, die ihr dazu verhalf, darin, dünkt uns, wäre die Wandlung zu suchen, die Vielen wundersam Vorkommen dürfte. »Laß gut sein, Mosel Leben,« rief Gitel wieder, »werdeDu nur gesund.«