Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 333 (sequence 372)
- Language
- German
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333 T tuen Lage zu befreien; aber das tüchtige Wesen unserer Bäuerin erhob und stärkte sich gerade unter dieser Last. Der Gedanke, daß das Mädchen Widerstand leisten könne, erhitzte ihr Blut, und machte, daß sie sich zur vollen Höhe ihrer tiessittlichcn Anschauung erhob.. Eine Mutter ist für die andere verantwortlich! so sagte sie zwar nicht, aber cs war der Kern ihres innersten Denkens, »was der Einen nicht gelang, das sollte die Andere versuchen.« Und in dieser Lage befand sich Gitel, die Bäuerin, soeben! Hinweg war nun jedes Gefühl von Scheu; aufgerichteten Hauptes schritt die Bäuerin über den Hof nach dem Garten; dort aus der Bank unter dem blühenden Kirschenbaum, wo sie gewöhnlich saß, wollte sie Mosel erwarten. Dahin wollte sie das Mädchen rufen lassen, und gedachte mit ihr zu reden, wie es sich geziemte! Aber wie ward ihr, als sie beim Eintritt in den Garten auf derselben Bank unter dem Kirschenbaume, wohin sie Mosel kommen lassen wollte — sie selbst sitzen sah. Sie traute ihren Augen nicht und glaubte zu träumen. Nun sah sie schärfer hin, und in der Thal saß dort das Mädcken mit demRücken ihr zugewandt, und in beide Hände den Kopf gestützt, fast in derselben Stellung, wie sie sie gestern verlassen hatte. Gitels Herz schmolz bei diesem Anblick vor Wehmuth; sie hatte Trotz und Widerstand erwartet, und nun fand sie das Mädchen in solcher Lage. »Mosel Leben!« konnte sie sich nicht enthalten in den weichsten Tönen zu rufen. Da ließ das Mädchen die Hände vom Gesichte herabglciten und schaute sich um. Doch kaum gewahrte sie die Bäuerin, als sie aufs Reue den Kopf in beide Hände vergrub. Es schien zugleich, als weinte sie. »Mosel Leben!« rief die Bäuerin noch einmal, und war ihr nun ganz nahe gekommen. Trotz dieses milden Zurufs blieb das Mädchen in derselben