Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 371)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609288--3592-2610937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
332 'wie viel sie über sich genommen, wie viel sie zu verantworten habe! Klar war sie sich dessen bewußt, nicht in nebelhaften Umrissen, daß was sie begonnen^ auch zu Ende geführt werden müsse. Gott möge ihr nur seine Hilfe dazu geben; ihm stellte sie Gelingen und Nicht- Belingen anheim. Sollen wir es geradezu heraussagen? Die gute Bäuerin schämte sich gewissermaßen, daß sie wieder vor Rosels Angesicht treten sollte. Äengstlich überlegte sie, wie sie ihr, die sie so tief gedemüthigt glaubte, entgegengehen, ob sie im Tone der Strenge, oder in den milden Lauten der Versöhnung mit ihr reden solle. Sie rang nach einem Entschluß, und je mehr sie darüber nachsann, desto zweifelhafter war ihr die Art des zu beobachtenden Benehmens. Die Bäuerin war nie in einer solchen Lage gewesen; jede Verstellung lag ihr fern! Zum ersten Male in ihrem Leben machte sich in ihr eine Macht geltend, deren sie in ihren einfachen Verhältnissen nie bedurfte! Aber diese Stimmung hielt nicht lange an. Plötzlich kam ihr der Gedanke: wie wenn das Mädchen, erzürnt über die Behandlung , die ihr gleich am ersten Tag ihrer Ankunft geworden, den Entschluß gefaßt hätte, wieder heim zu wollen? ob sie sie zurückhalten könne und dürfe? Gitel war darauf gefaßt, daß Mosel ihr mit diesem Anträge entgegenkommen werde; es war gar nicht anders möglich. Was sollte sie ihr in diesemFalle antworten? Sie durfte nicht heimkchren, bis Befehl von ihrer Mutter eingetroffen; darüber war sie im ersten Augenblicke mit sich im Klaren — sie brauchte nur ein entschiedenes: Nein! zu sagen. Aber wenn Mosel nicht gehorchen wolle, sollte sie das Mädchen mit Gewalt zurückhalten, ihr eigenes .Haus zum Gefängnisse für eine sich hinaussehnende Seele machen? Minder starke Gemüther wären vor dieser Aussicht erschreckt, bereit gewesen, sich so bald als möglich von der Unruhe einer unangeneh-