Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 316 (sequence 357)
- Language
- German
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316 Nach einigem Zögern ging Jossef dennoch. Der Vater mochte wegen der »Prinzessin« etwas langsamer gefahren sein, dachte er sich, daher die späte Zurückkunst. Er trat in die stille Nacht hinaus, ein zerschnittener Streifen Mondes wandelte am Himmel droben; ein eigenthümliches Leuchten ging von ihm aus; es war ihm, als ob er das zum ersten Male schaute. Er ging dieDorfgaffe hinab; überall war Ruhe und Schlummer, nicht ein Fedcrchen konnte zu Boden fallen, daß man es nicht vernommen hätte. Da kam etwas über sein Wesen, das er nie gekannt hatte; es dünkte ihm, als müsse er jetzt Stunden lang in die stilleMcht hineingehen, über sich den Mond, und sonst keinen Menschen zum Begleiter. Aus einem benachbarten Dorfe trug die reine Luft den Klang der neunten Nachtstunde herüber; er horchte auf, jeder Schlag derllhr fand einen eigenthümlichen Widerhall in seiner Seele. Eine Empfindung, die von der Angst nicht ferne lag, hatte den ehemaligen Soldaten überkommen. »Es wird ihm doch nichts geschehen sein,« dachte er vor sich hin, mehr als er es sprach. Er horchte wieder auf. Nicht das leiseste Geräusch, das fernem Wagenrollen glich, gelangte an sein Ohr. So war er an das Ende des Dorfes zum Mühlbach gekommen, über den ein schmaler Steg führt. Zn demselben Augenblicke betrat eine weibliche Gestalt das andere Ende des Steges. Der volle Strahl der Mondcssichel fiel auf sie. Aus Joffefs Brust rang sich ein Schrei der Uebcrraschung herauf; es mochte ihm fein, als stünde er, der ausgediente Soldat, auf einer einsamenWache, und plötzlich träte ihm aus der Nacht ein Gefährliches entgegen. »Wer da!« rief er mit durchdringender Stimme. »Um Gotteswillen, ich bin's ja!« tönte eine feine Mädchenstimme zurück.