Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 151)
- Language
- German
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110 ärmere Claffe der Juden, die man überall auf Straßen und Grachten fleht. Das nämlich, was bei den deutschen Hausfrauen eine so große Rolle spielt, der Besuch des Marktes, ist in Holland unbekannt. Man geht nicht auf den Markt, der Markt kommt zu Einem ins Haus. Tagtäglich durchziehen zahllose Karren die Straßen; die Führer dieser Karren flnd fast durchgängig Juden. Es sind dieselben Schubkarren, wie sie in den alten gemüthlichen Pesach-Hagadah's abgebildet sind; aber statt mit Stein und Mörtel, sind sie mit Aepfeln, Orangen und allen möglichen Victualien beladen; auch geschieht das schwere Tagewerk nicht für König Pharao, es ist kein travailler pour le roi de Prasse, wie die Franzosen jede Arbeit nennen, für die man nicht bezahlt wird. So bilden denn diese Leute einen ambulanten Markt. Andere Bewohner des Jodenhoek zeigen sich aus den Straßen einfach als »arme Leute,« mit welchem Euphenrismus bekanntlich der Jude das Wort Bettler umschreibt. Am auffallendsten sind namentlich die Knaben und Mädchen von acht bis vierzehn Jahren. Die Schächtelchen mit Rcibzündhölzchen, die sie mit sich herumtragen, sind nur eine captatio benevolentiae; sie bilden nur das Nebengeschäft, das Hauptgeschäft ist die Bettelei. Allerdings bekommt man schon für zwei Cents, die man ihnen schenkt, mindestens hundert Jahre langes Leben und alles Glück und Heil gewünscht, aber sie merken sich auch zugleich die offene Hand. Geht man wieder vorüber, so hat man keine Ruhe. Mit ihrenLlompjes an den Füßen — Holzschuhe, die man in Holland sehr häufig sieht — begleiten sie in raschemTempo den Vorübergehenden Straßen hindurch — klipp, klapp, klipp, klapp! Wie die Erinnyen heften sie sich an seine Sohlen, und lassen ihn nicht, bis er sie entweder strenge abweist, oder bis eine andere mehrversprechende Physiognomie des Weges kommt. Vergebens, daß das Weekblad — ein speciell jüdischen Interessen gewidmetes Wochenblatt —