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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1856-01-01 · Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857) · p. Seite 193

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
Date
1856-01-01
Page
Seite 193 (sequence 237)
Language
German
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193 r neu Rede des Dr. Frankl *) sang der Sängerchor unter Musikbegleitung die österreichische, von Dr. Lettens ins Hebräische übersetzte Volkshymne ab. l) Sie lautet im Auszuge wie folgt: »Wenn ich vor die hochverehrte Versammlung trete, um sie anzureden, so bin ich in dem glücklichen Falle, daß Bild und Gedanke nahe liegen und mir dargeboten sind: das Bild des Tempels, der Gedanke des Unterrichts! »Blicken Sie zu diesen Fenstern hinaus und nur zwanzig Schritte fern ragt die Westmauer des Tempels empor. Es ist der einzige Ueberrest einer längst dahingegangenen Zeit und einer erloschenen Lichtherrlichkeit. »Als diese Tempelmauern wankten, der Fall der heiligen Stadt unvermeidlich war, da ließ ein Mann scheinbar als Leiche sich aus der Stadt hinaustragen —, denn die Fanatiker hätten ihn sonst als Verräther erschlagen, — um für seine Brüder, für Weiber und Kinder um Gnade zu flehen. Als der Feldherr diese versagte, ihm aber eine persönliche Gnade zu gewähren versprach, bat Rabbi Jochanan ben Sackai: »Laß mich in Jabne eine Schule begründen.« »Der Römer gewährte lächelnd die Bitte und ahnte nicht, daß in ihrer Erfüllung eine große Zukunft des Judenthums liege, welche das eiserne Rom überdauern und den Sieger einst besiegen sollte. »Rabbi Jochanan ben Sackai sah, daß eS mit dem Staatsleben der Juden zu Ende ging und er faßte den Gedanken eines geistigen Reiches, eines geistigen Jerusalems, welches das weltliche, nunmehr in Trümmern liegende, überdauern sollte. »Wir Juden sind die Bürger dieses Reiches, die heilige Lehre ist das unentziehbare Grundrecht unseres geistigen Staates. »Laß mich eine Schule gründen!« »Dieser Gedanke ist es auch, der in dem Herzen und Geiste einer edlen und frommen Frau im fernen Oesterreich, dessen Blick dem Osten zugewendet, die welthistorische Aufgabe hat: die Cultur nach Osten zu tragen, rege geworden ist. Cultur ist die Sonne, die aus Milliarden Strahlen, welche aus Geistern und Herzen strömen, zusammenfiießt und die Welt vor dem wiederkehrenden ChaoS rettet und sie erleuchtet! Jahrb. f. Jsr. 1857. 13

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