Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 226)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Haupte, das jetzt die Brautbinde trägt! Ach, aufgewachsen im Schooße der rücksichtslosesten Bigotterie, von fanatisch frommen (Sltent gehütet und verzärtelt, durfte dies Kind kaum eiumal hinaus in Gottes frische Lust, durste sie nicht die muntern Spiele der Jugend spielen, durfte sie nie scherzen und tollen, singen und lachen, mußte sie daheim in der finsteren Stube, zwischen ernsten strengen Gestalten alles Feuer, alle Lust, allen Frohsinn, allen Scherz, kurz Alles was den Geist beschwingt, den Körper treibt, die Sinne weckt und das Leben fördert, gewaltsam zurückdrängen und Dank dieser uralten Erziehungsweise, die das Haus zum Kerker, die Jugend zur Sünde macht und das Leben an seiner freien Entwicklung hindert, in frühesten Jahren hinwelken und vertrocknen wie die Pflanze ohne Licht und ohne Lust! Ohne seine Braut, die er nie zuvor sah, anzusehen, eingeschüchtert von der Menschenmaffe, ließ der herbeigeführte Bräutigam den Zipfel der Binde über das Gesicht seiner Auserkornen fallen, ein Jubel erscholl im Zimmer ob des Beginnes der feierlichen Handlung, die das Paar vermälte. Bald war die Ceremonie zu Ende und nun ging die Freude der Gäste schreiend, lärmend, tobend, rasend an, als ob die Erde einen ewigen Frühling und einen ewigen Tag, als ob die Freude keinen Schmerz hätte und das Glück der Vermälten vom Himmel für Lebensdauer garantirt wäre. In ihrem selbstsüchtigen Feste vergaßen die Gäste, daß der Zufall zwei gleiche Charaktere, zwei Herzen mit gleichen Gefühlen, zwei Geister mit gleichen Ideen zusammenführen müßte, soll aus der Ehe ein glückliches Leben entstehen! Doch nicht Jedem ist's beschieden, den Haupttreffer zu ziehen, und im Hazardspiele, bei dem die Betheiligten das Glück eines Lebens einsetzen, gibt's so viele Nieten!« Aus der jungen Ebe war Amor geflohen und die Eintracht ausgewandert, keine Sympathie löthete den unfrei-