Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 206)
- Language
- German
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203 ist der Bäckermeister Franz Klipftl in der Leopoldftadt. Seit vielen Jahren finden sie in seinem kleinen einstöckigen Häuschen ein Asyl, wo ihnen in Noch und Verlegenheit nie Trost und Hilfe versagt wird. Seine Kasse ist förmlich eine Armenleihanstalt, die regelmäßig an jedem Montage der Woche für seine Schutzbefohlenen geöffnet ist. In diesem Momente find deren 13, die von Woche zu Woche ein Darlehen von 10 bis 50, ja 100 fl. daraus erhalten, um es am Samstage — wo die Wochenzahlungen an seine Arbeiter ihm das Geld unentbehrlich machen — wiederzubringen. Die mit Kreide beschriebene Zimmerthür ist sein Hauptbuch, das einfach gegebene Wort der Empfänger gilt als Wechselbrief, der immer zur Zeit eingelöst wird, um sich am nächsten Montage wieder zu erneuen. — Ein altes erblindetes Judenweib beherbergte er seit 3 Jahren gegen eine kleine Monatsvergütung, die ihm erst in letzter Zeit vom hiesigen Frauenveretite bezahlt wird. Nachdem ihr eigener Sohn, der im selben Hause wohnte, die Mutter aus seiner eigenen Stube gewiesen, übernahm der Bäcker von Mitleid ergriffen deren Obsorge aus Eigenem, wobei sie zumeist nur von Kaffee sich nährte. Bei ihrer Erkrankung war er es, der an das Jsraelitenspital schriftlich sich wegen ihrer Aufnahme wendete, und sie nach der Entlassung freiwillig wieder übernahm. Ueber die unnatürliche Behandlung, die ihr vom eigenen Sohne widerfuhr, empört, kündigte er als Hauseigenthümer diesem die Wohnung, die er binnen 14 Tagen verlassen mußte *). Bei der vor einigen Jahren stattgefundenen Ausweisung vieler nicht nach Wien gehöriger Judenfamilien war es der Bäcker, der Rath und Hilfe zu schaffen suchte und auch wußte, wo und wann sie nur immer angesprochm *) Je seltener solche Fälle bei den unter unsern Glaubensgenossen stark ausgeprägten Familienscenen Vorkommen, um jo weniger ist Grund dafür, sie zu verheimlichen. Noch einmal: auch die schwarze Tafel thnt noth, so schwer wir uns selbst dazu bringen, diese Rubrik zu eröffnen.