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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1855-01-01 · Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855) · p. Seite 85

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 85 (sequence 88)
Language
German
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85 den herrlichen Wein geben, sondern die dürren Reben, die die bittersten Wunden den Eltern beibringen; wie oft sind sie die Waffen, die gegen den Schützen sich wenden! Es haben sich heute die Ansichten und die Verhältnisse geändert. Wer wollte es Jemanden als Verdienst anrechnen, daß er Proletarier ist. Die letzte Zeit hat diesem Worte sogar einen Beigeschmack von Schrecken gegeben. Wohl wissen wir, was bisher die frühen Heirathen begünstigte. Bei frommen Leuten sind es zum Theil religiöse Bedenken. Besonders ist dies bei Mädchen der Fall. Schon Sirach sagt Ln seinen Weisheitssprüchen: »Eine Tochter verursacht viel Kummer und Sorge dem Vater. So lange sie klein ist, wünscht er, daß sie heranwachse und reif werde. Ist sie reif geworden, dann erst fangen die nachhaltigen Sorgen an.« Bei dem tiefen Sittlichkeitsgefühle der Inden kann man sich wohl nicht wundern, daß ihnen der Gedanke Schrecken machte, den Goethe in den Worten gibt: Das Kränzel reißen die Buben ihr, - Und Häckerling streuen wir vor die Thür. Wir finden daher auch, daß man es überall beim Inden als frommes Werk betrachtet, arme Bräute ausznstatrcn. Ein anderes Moment trug zu den frühen Heirathen bei: das jüdische Familienleben. Wer kennt nicht die innige Anhänglichkeit, die Treue, die aufopfernde Liebe, die im jüdischen Familienleben herrschte und noch herrscht? Wer weiß nicht, welche Opfer da Eltern für ihre Kinder, Geschwister und Verwandte gegenseitig zu bringen im Stande sind? Dadurch entstand jene Bruderliebe, wie sie bis auf den heutigen Tag besteht. Läugnen wir es nicht; wo einem Juden in weitester Ferne eine Auszeichnung oder eine Schmach widerfährt, da durchzuckt es in Freude oder Schmerz alle jüdischen Herzen. Leider hat man diese beseligende Liebe Jahrhunderte lang in das Ghetto verwiesen, und nichts desto weniger ließ diese Blume der hingebeuden Liebe auch nach außen, außerhalb der festen eisernen Gitter ihren Dust ausströmen.

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