Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 335 (sequence 439)
- Language
- German
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Das Essen war reichlich und gut; und Kobi, den Liebe und die Mühe des Tages hungrig gemacht hatten, ließ ihm auch alle Gerechtigkeit widerfahren. Er lobte die Speisen nicht, weil dieses Lob vielleicht zu ausfallend geklungen hätte, aber er bewies es durch die That, was er von Mirls Küche hielt. Er ließ sich auch nicht „zwingen", aß seinen Teller rein ab, und sprach auch dem Biere zu. „Das ist schön von Dir," sagte der Randar einmal, den der frische Appetit seines Gastes offenbar freute, „daß Dukeinen „Derech Erez"*) auf Deinem Teller zurücklassest. Wenn der Mensch hungrig ist, soll er sich nicht schämen und soll essen. Ein Mädel ist was Anderes; die wird von der ganzen Welt gemustert, und muß darauf sehen, daß sie für keine Fresserin gilt. Denn das könnt' ihr schaden. Warum soll sich aber der Mann geniren?" Zufällig blickte Kobi auf Mirls Teller; die Speise war beinahe unberührt, und Das Mädchen erröthete in diesem Augenblick unbegreiflich stark. Als abgespeist war, sagte der Randar zu Mirl: „Rufjetzt einen von den „Schnorrers" herein." Kobi verstand, was dieser Ruf bedeutete. Der Randar wollte ihn einer neuen Prüfung unterwerfen; wahrscheinlich ihn mit dem „Benschen" (Tischsegen) beehren, denn, da sie nur zwei Männer waren, gehörte wenigstens noch ein Dritter hinzu, um „Mesnmen benschen", d. h. in Gesellschaft laut beten zu können. Kobl hatte das Rechte getroffen. Als der Schnorrer gekommen, sagte der Randar: „Jetzt bensch, Jungel." Kobi schenkte erst dem Randar, dann dem Schnorrer und sich selbst das Glas mit Bier voll und indem er es auf- *) Leute, die auf die „Beschau" kommen, Lassen gewöhnlich einen Lhcil der Speisen auf dem Teller zurück, vielleicht um Glicht den Schein zu großer Eßlust auf sich zu laden. Mau nennt dies „Derech Erez" (Landessitte).