Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 313)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609282--2301-2609643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
207 sich eher eine Gesinnung festsetzen konnte, versteht sich von selbst. Noch hatte nun der junge Mann keinen Beruf gewählt, Kaufmann mochte er nicht werden; denn da er seine fieberhaften Phantasien für Schwung, feine Grillen für Weisheit hielt, so dünkte er sich zu Höherem geboren. — In seinen Erzeugnissen ist aber immer das tönende Wortspiel charakteristisch, und der Geist, den er verleugnen will — der Geist des Pilpuls. — Dieser erwirbt ihm die Gunst jener für geistreich geltenden Damen, die sich ebenfalls an belletristischer Lectüre übersättigt haben, nach Unterhaltung lechzen, und an den herausfordernden Phrasen und Paradoxen Gefallen finden. — So flattert Sammi in allen Salons umher, bis er, beengt durch die gesellschaftlichen Formen, auch dieser müde wird, das ewig sehnende Herz durch gemeine Schwelgsucht mit gleichgesinnten Wüstlingen auszusüllen meint, und versinkt, um sich nie wieder zu erheben. Inzwischen hatte Gerson durch unglückliche Spekulationen sich zu Grunde gerichtet, und überlebte nicht lange mehr den Fall seiner Firma. Sammi sollte nun auf Erwerb denken und machte die traurige Erfahrung, daß die Kunstrichter, die ehedem dem feurigen Geiste gehuldiget,.mit einem Maleseine Erzeugnisse unbrauchbar fanden und sich zurückzuziehen begannen. Die bessere Gesellschaft mied den frivolen Spötter, der, ohne Brod und Amt, in seiner kläglichen Lage nur noch Einen Ausweg fand: Er schwor den Glauben feiner Väter ab, und fand bei dem Journale einer Missionsgesellschast die Beschäftigung, Notizen und Lückenbüßer anzubringen. Aber auch dahin verfolgt ihn sein Unstern! Den Vorwurf der jüdischen Abkunft mußte er oft vernehmen, und viel Schmähung ertragen, bis der Jugend Kraft versiegt, des Geistes Feuer erloschen war. Ein wohlthätig Grab nahm den müden Pilger auf; ein rohgezimmert Kreuz auf dessen Hügel ist Alles, was von Gersons „zweitem Mendelssohn" übrig geblieben ist.