Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 180)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-2609282--2168-2609510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 In Wien mußte bei jedem speziellen Falle die gesetzliche Erlaubniß erst erkämpft werden. Daß dann auch der Lehrmeister durch besondere Vortheile für die Aufnahme eines jüdischen Lehrlings gewonnen werden mußte, ist leicht erklärlich. Hatte er doch dabei die Insinuationen von feinen Kollegen und vom Jnnungsvorstande zu fürchten, welcher letztere die ordnungsmäßige obwohl gesetzlich erlaubte Bildung von jüdischen Gesellen äußerst selten freiwillig gestattete. Das seltene Erscheinen von Handwerksbeflissenen war eine natürliche Folge dieser Verhältnisse, wozu die seit Jahrhunderten genährten Vorurtheile redlich das Ihrige beigetragen haben. Es wurde unseren Gegnern nicht schwer, hierin nichts als Arbeitsscheu und Unlust zum Handwerke zu finden, die als Makel und Vorwurf stets in die vorderste Reihe gestellt wurden. Die Ueberzeugung, daß durch Aufmunterung zum Handwerke wohlthätiger Einfluß auf die bürgerliche Stellung der Juden in Oesterreich ausgeübt werden könne, wurde von Männern, denen das Wohl ihrer Glaubensgenossen am Herzen lag, schon damals gewonnen. Im Jahre 1821 widmete der großherzige selige k. k. pr. Großhändler, Herr Emanuel WerLheim, das bedeutende Kapital von 20000 fl. zu diesem Zwecke, wobei s. g. schwere Handwerke — Feuerprofessionen — bevorzugt wurden; Geldunterstützung an Lehrlinge und angehende Meister sollten diesen manche Schwierigkeiten überwinden helfen. Erst im Jahre 1822 erwirkten die damaligen Wiener- Vertreter eine jährlich zu erneuernde Aufenthaltsbewilligung für dem Gewerbe sich widmende fremde Israeliten, gegen jedesmalige Erstattung der Berichtstaxen von Ifl. 25 kr. für einen Lehrjungen, und 3 fl. 40 kr. für einen Gesellen. Die wohlthätigen Folgen solcher Erleichterungen Ließen nicht lange auf sich warten. Jüdische Lehrlinge in Wien gehörten nicht mehr zu den Seltenheiten, und die Gemeinde eröffnete, für ihre religiöse und sonstige Ausbildung Sorge