Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 154)
- Language
- German
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42 Leitung. Auch Wissenschaft und Kunst ernähren eine kleine Schaar begabter und tüchtiger Jünger. Sehr beträchtlich ist die Zahl der Armen, doch tritt in Lemberg der Pauperismus nicht so grell hervor, wie in den Landgemeinden Galiziens nnd selbst auf dem Kasmer zu Krakau. II. Der Sil-rmgsgrad. Die Lemberger Israeliten bieten dem Beobachter eine merkwürdige Stufenleiter dar. Das sechzehnte Jahrhundert hat hier seine Vertreter wie das neunzehnte. Die Wissenschaft findet Pflege neben dem Pilpul, und die Aufklärung neben dem Chaßidäismus. In zwei Stücken tritt die Verschiedenheit der herrschenden Bildungsstufen besonders stark hervor: in der Sprache und in der Tracht. Wiewohl schon vor Jahrhunderten aus Deutschland eingewandert, hat die jüdische Bevölkerung des ganzen nordöstlichen Europa bis auf den heutigen Tag die deutsche Sprache als Muttersprache beibehalten. Aber in den unteren Schichten der Gesellschaft ist dieselbe zu einem dem deutschen Juden kaum verständlichen Dialekte geworden. In gebildetem Familien wird dagegen das Deutsche, häufig auch das Polnische, rein und korrekt gesprochen. Selbst die besondere, eigentümliche Accentuirung ist in vielen Häusern gänzlich geschwunden. Der Sprachreinheit befleißen sich zumeist diejenigen, die sich „deutsch" kleiden; die polnische Kleidung ist in der Regel das sichtbare Zeichen geringerer Bildung. Zwar begegnet man hin und wieder sehr unterrichteten Männern, welche mit einer Art von Coquetterie auf ihren Kaftan zeigen, indem sie einen Spruch aus einem deutschen oder lateinischen Klassiker citiren; allein dieselben gehören zu den Ausnahmen, die immer seltener werden. Sichtbar