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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 621 - 622

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Sternensöhne
Date
1901-08-01
Page
Seite 621 - 622 (sequence 2)
Language
German
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621 Sternensöhne. 622 Schmuck von Königen und Kriegern einer grossen Vergangenheit mit der Grazie der Selbstverständlichkeit gehüllt haben. Wunderbar ist die Phantasie dieser Schimmeies. Der jüdische König war so echt, dass ein Maler David oder Salomo nicht anders porträtiert hätte. Der Narr erinnerte in Maske und Kostüm an Illustrationen aus 1001 Nacht, und ein persischer Heerführer stach durch sein vierschrötiges Wesen, seinen Germanenbart und seine derbe Sprache mit photographischer Schärfe ethnologisch von den leichtbeweglichen Juden ab und sah aus, als hätte er an der Perserschlacht teilgenommen, von der das bekannte Gemäldefragment existiert. Interessant muss jedem Kunstfreund die Technik dieser Volksdramen sein, die mit ihrem Chor an die griechische Tragödie erinnert. Doch ich will meinem Vorsatz, nicht zu kritisieren, nicht untreu werden, und rufe an dieser Stelle Euch, brave Jüdlein, die Ihr so wacker gemimt habt, ein herzliches Bravo! zu. Sehenswerter noch als das Theaterstück war das Publikum. Als Student besuchte ich einmal mit einem in Berlin anwesenden französischen Ehepaar die Vorstellung einer französischen Truppe, die Francillon gab. Ich erstaunte, als ich bemerkte, wie die französische Dame, eine sehr gebildete und weitgereiste Schriftstellerin, Anstalt machte, sich in Thränen aufzulösen, und wie Monsieur, die Fäuste ballend, die saftigsten südfranzösischen Flüche murmelte. So wirkte auf diese beiden Leute der Klang der Heimat und das sehr lächerliche Theaterstück, das mich völlig kühl Hess. Die Herrschaften erzählten mir nachher, was ich später auch selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, dass das französische Publikum bei Trauerspielen so heftig pro und contraPartei ergreife, dass nicht selten den Intriganten am Ausgang aufgelauert undmitPrügeln gedrohtwerde. Das jüdische Publikum, das den Heldenthaten des Sternensohnes zujauchzte, hätte den guten Franzosen noch mehr gefallen als ihre Landsleute. Noch nie und noch nirgends habe ich solch einen Beifall erlebt, und ich hätte nie für möglich gehalten, dass auch in Berlin sich solche B'ne Israel vorfinden. Dem Rosche ging es natürlich spottschlecht. Hei! war das eine Freude bei allen guten Juden. Tausend Verwünschungen wurden dem gemeinen Kerl nachgerufen, als die Faust des Schicksals ihn ereilte, lautes Weinen erhob sich, als das Geschick des Helden sich erfüllte, und unendliches Gelächter, Tücherschwenken und Hochrufe belohnten jeden Witz des Narren und jede That der jüdischen Soldaten. In den Pausen war die Sache gefährlich. Andere erhitzen sich am Totalisator oder beim Gelage. — Neulich sah ich in einem Spezialitätentheater einen Ringkampf, der unter einem Geheul wie von tausend Teufeln, das feingekleidete Herren und brillantgeschmückte Damen ausstiessen, ausgefochten wurde. Juden erhitzen sich um andere Interessen. Erregte Gruppen sprachen über den Edelmut des Sternensohnes, über die Schlechtigkeit des Rosche und wollten sich wegen der verschiedenen Meinungen über den Ausgang des Stückes in die Haare geraten. Und als die Komödie zu Ende war, da wankte und wich die Menge nicht, keine Flucht in die Garderoben begann. Alles schrie wie toll Hurra, schlug mit Stöcken auf Tische und Bänke und gestikulierte wie berauscht vor Entzücken mit den Armen. Wahrlich, wer die jüdische Seele studieren wollte, der kam an jenem Abend auf seine Rechnung. Was wohl die sechs Vertreter Japhets gedacht haben mögen, die beiden Schutzleute, die beiden Garderobieren, und die beiden Kellner, die herzlich schlechte Geschäfte machten? Sie werden gedacht haben: diese Juden sind verrückt. Wahrhaftig, sie haben recht! Diese Juden sind verrückt. In einer Nacht der Trübsal ohne Gleichen führen sie, ausgelassenen Kindern gleich, Purimspiele auf, in einer Knechtschaft, die allen andern die Kraft zu seufzen erstickt hätte, rasseln sie mit den Schwertern der Ahnen und durchbohren ihre Gefängniswärter mit dolchscharfen Witzen, in dem Schmutz ihres Ghettostübchens bauen sie sich einen Königspalast, und in der Finsternis ihres Kerkers halten sie Zwiesprache mit Sandalfon, dem Engel des Lichts. Ach Juda, Juda! Du Volk von Narren, von unverbesserlichen Optimisten. Du Sternensohn und starker Simson. Völker entstehen und vergehen. Du aber spottest der Zeiten. Unauslöschlich ist in Deiner Kinder Seele eine Heiterkeit eingeprägt, die kein irdisches Feuer verzehren, eine Lebensstärke, die nicht Ross noch Reisige vernichten können. Ich fühle es mehr und mehr, und es flutet mir mit dem Glanz und den himmlischen Flammen der Sonne über die dunkle Bewusstseinsschwelle. Wir Juden sind ein aus erwähltes Volk, der Simson, der Schakale, Löwen und Menschen bezwang,, der Gottgeweihte, den die irdische Liebe wohl bethören aber nicht bezwingen kann, der Riese, der zu dem trunkenen Geschrei der Philister ein grollendes Harfen ertönen lässt und der — wenn er einmal fallen sollte — die Säule der Götzen und die juchheienden Gesellen begraben würde...... Israel Abraham söhn. W

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