Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Sternensöhne
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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619 620 Ansicht der jüdischen Kolonie Gadara in Palästina. „STERNENSOEHNE. Eine der edelsten Freundinnen des jüdischen Volkes, die grosse Dichterin Elise Orczesko, hat in einer kleinen Novelle, in der jedes Wort ein Symbol ist, die Gefühle eines Ghettojuden, eines Hopliten der Gerechtigkeit, in ein funkelndes Geschmeide gefasst, in dem nur Diamanten und Thränen sind. Schimmele, ein halbverhungerter Talmudchochem, hat in einer Purimvorstellung die Rolle des starken Simson gespielt. Ganz erfüllt von der Löwenstärke seines Helden und durchglüht von dem Feuer der höchsten Freude, schreitet er schwertgegürtet und im Schmuck des Kriegers durch die flockenerfüllten winterlichen Gassen der weiten Stadt, um in der jämmerlichen Enge seiner Stube, beim Anblick seiner von Kummer und Sorgen verzehrten Frau, seiner kranken, schmutzstarrenden Kinder zur schrecklichen Gegenwart wieder zu erwachen und sofort in neue — alte Träume zu versinken. Der Himmel öffnet sich. Eine goldene Leiter steigt aus der Finsternis des Ghettos zur Herrlichkeit Gottes, und Schimmele, der starke Simson, der Sternensohn, hält phantastische Zwiesprache mit Sandalton, dem Engel des Lichts. An dieses erschütternde und wie jede echte Dichtung erhebende Seelengemälde musste ich denken, als ich jüngst im grössten Theaterraum Berlins jüdische Ghettokomödianten mit heiliger Leidenschaft ihr rührend einfältiges Stücklein tragieren sah und Lachen und Weinen, Jubeln und Klagen einer tausendköpfigen jüdischen Zuhörerschaft mir das Herz bezwang. Der Dichter des böhmischen Ghettos, Leopold Kompert, hat in einer entzückenden kleinen Geschichte „Das Babele" uns ein Gespräch zwischen einem Babele und ihrem Einikel belauschen lassen. Der Dichter hat es verstanden, uns die beiden Personen so meisterhaft zu schildern, dass wir sie leibhaft vor uns sehen, das alte, runzlige Babele, einst ein schönes Mädchen, jetzt schöner als schön: die personifizierte Güte und Geduld, — eine Seele, die viel erlebt hat und daher viel verziehen hat, und der Einikel, der kleine Klugkopf, der alles besser wissen möchte und doch auf die Worte seines Babele schwört, der bereit ist, ihr stets in die Rede zu fallen und doch mit fast fieberhaft glänzenden Augen an ihren Lippen hängt, — Babele und Einikel waren die jüdische Gesellschaft und das Publicum jenes jüdischen Theaterabends. An das Stück mit kritischen Erwägungen herangehen, heisst eine Feldblume mit den Augen des Kunstgärtners betrachten* Wie das Veilchen und das Vergissmeinnicht, das bescheiden am Bache wächst, jedem Naturfreunde mehr wert sein muss als eine naturwidrig gezüchtete Tulpe oder Gartenrose, wie ein Schwälbchen oder ein Sperling jedes Menschen Herz und Ohr mehr erfreut als ein buntgefärbter, zuckerfressender, plärrender Kakadu, so steckt in dieser naiven jüdischen Volksdichtung, die, den Blick den Gefilden zugewandt, die die Seele nicht vergessen kann, an den gefährlichsten Abgründen der Lächerlichkeit vorüberschreitet, mehr Poesie, als in manchem Theaterstück, dessen Autor von Herren Schmock & Co. gegen Quittung die Unsterblichkeit bescheinigt wird. Ich muss bekennen, dass diese galizischen Judenstücke turmhoch über den in Dialekt gebrachten Birchpfeifereien der sogenannten Schlierseer oder der Schwaben stehen, und wie die deutschen von K. K. Hofschauspielern zusammengestellten Truppen sich nennen, die die Welt durchziehen. Wie die innere Beseeltheit, die organische Wärme, das lebende Wesen von der Maschine, die Kunst vom Handwerk, die Dichtung von der Mache sich unterscheidet, so unterscheiden sich diese hilflosen galizischen Geschichten von den Machwerken jener Possenreisser. Etwas Ergreifendes und Stärkendes bieten diese jüdischen Ghettospieler, die wie Schimmele, der starke Simson, die blutige. Nacht, ein heiteres, trotziges Heldenlied summend, durchstreifen und ihren elenden, verkümmerten Körper in den