Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Degeneration - Regeneration
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 2)
- Language
- German
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611 Degeneration — - Regeneration. 612 hinsause und vor dem alles erbebend und bewundernd ausweiche, und die Yankees singen, dass Onkel Tom reich genug sei, allen eine Farm zu geben. Welches Hochgefühl spricht aus den grandiosen Poesieen eines Bret Harte oder eines LongfellowT! Die Nutzanwendung, die wir Juden zu ziehen haben, liegt auf der Hand und ist schon von Dr. Mandelstamm aut dem Baseler Kongvesse von 1898 ausgesprochen. Die Juden des Ostens wie des Westens, die physisch und psychisch in der Entfaltung ihrer Kräfte gehindert werden, gehen einer Stagnation und damit einer Verkrüppelung entgegen, die sie immer widerstandsunfähiger und verachteter machen muss. Gelingt es ihnen, aus den sie beengenden Verhältnissen herauszukommen — und hindern kann sie niemand —, so ist bei der Elastizität der menschlichen Natur überhaupt und der jüdischen im besonderen, und bei der Fülle schlummernder Kraft und thatendurstiger Talente an einem neuen Aulschwunge des jüdischen Volkes nicht zu zweifeln. Derselbe wird um so gewaltiger sein, je grössere Widerstände er wird überwinden müssen, und um so anhaltender, je langsamer er sich vollzieht. Und wird der jüdische Adler wieder auf den das Meer, die Wüste, die Palmenthäler und die Wolken schauenden Bergen nisten, die er jetzt unablässig umkreist, so wird das Gefühl der Ewigkeit und Unvergänglichkeit, das den Juden über den Spott des Römers lächeln Hess und allen Schlägen des Schicksals mit achselzuckender Verachtung und allen Verlockungen mit ausharrendem Stolze begegnet, — so wird dies Gefühl sich abermals in einem Schrei entladen, den die Winde jubelnd den Höhen und Tiefen entführen werden, zu den Wohnungen der Menschen und zu den Gestirnen hinauf. a . . . HIRTEN LIEBE. Biblische Szene von Peter II i 1 1 e. Es treten auf: Sulamith. Der Freund. Fünf Töchter Jerusalems. Zwei Wächter. (Kieme Hütte ohne Vorderzvand* links Landschaft [ummauerter Weinberoj, Morgengrauen.) SULAMITH (auf kargem Lager): Ich schlafe ja, Herz, und Du bist wach. (visionär:) Das ist die Stimme meines Freundes, der anklopft. DER FREUND (pocht): Thue nur auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine sanftgurrende Turteltaube, denn mein Haupt ist wie der Hain in der Frühe voll Thaues, und Kinn und Wangen perlen mir wie die jungen Schossen der Reben. SULAMITH: Ich habe mein Gewand abgethan, soll ich es wieder anthun? Meine Füsse sind gebadet, sollich sie wieder staubig machen? (Wartend, kaum sich zu bewegen getrauend, flüsternd:) Er ist doch nicht gegangen? (Freudig erschrocken:) Da hat er seine Hand durchs Gitter gesteckt. (Jagend:) Mein ganzer Leib erzittert. Ueber und über bebe ich. Wenn er nun kommt? Still, still, Brüste, lasst mich lauschen! (Weich:) Ich will ihm aufmachen. {Erhebt sich und öffnet, dann schnell zurück aufs Lager.) (Hustet leis.) So komm doch, mein Freund, ich harre Dein. Er kommt nicht? (Pause, erhebt sich und tritt heraus.) Fort? Nicht mehr da? (Lauscht.) Ich höre keinen Schritt. Wie die Myrrhen duften, frisch und herb und bitter wie mir in der Brust! Und wie die Kälte eindringt, meine Füsse schreiten auf Tod. Ob er im Weinberg ist? Auf die Wärme zu warten unter den Geräten im engen Verschlag, bis leis auf den Spitzen der Zehen sich erhebt der Tag, und sein Haupt ist das feinste Gold und es glühen errötend alle Blumen vor seines Augsterns sprühendem Feuer, wie die Töchter Jerusalems glühen, wenn Salomo in seinem goldenen Wagen erscheint in der leuchtenden Pforte seines jubelnden Hauses.