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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 609 - 610

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Degeneration - Regeneration
Date
1901-08-01
Page
Seite 609 - 610 (sequence 1)
Language
German
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609 610 DEGENERATION - In einer Zeitschrift unterzieht der bekannte nationalökonomische Schriftsteller Dr. Paul Ernst in einem „Die Entartung der modernen Völker" betitelten Aufsatze die Frage nach der Degeneration eines Volkes einer geistreichen Untersuchung, in deren Ergebnis wir mit ihm durchaus zusammentreffen. Ein Volk besteht nicht nur aus sterblichen Menschen. Wie die Seele eines Individuums sich in der Gesamtheit der Betätigungen desselben dokumentiert, ohne mit dem Aufhören des Individuums unterzugehen, so stellt die innere Kraft eines Volkes sich als ein durch das Spiel der äusseren Erscheinungen nicht restlos zu erklärendes Geheimnis dar. Wenn jemand aus der Thatsache, dass Individuen eines Volkes oder ganze Gesellschaftsschichten geistig, sittlich, körperlich verkommen oder in ungünstigen Verhältnissen verkümmern, ein zwingendes Beweisstück für die Degeneration des betreffenden Volkes konstruieren will, so könnte man ihn mit den Eristen fragen: Welches fehlende Haar macht den Kahlkopf? Hast du alle Individuen, auch die Säuglinge und Neugeborenen, untersucht und entartet gefunden, kannst du dich verbürgen, dass alle noch nicht Geborenen degeneriert sein werden? Oder wenn nicht, wieviel müssen deiner Ansicht nach entartet sein? Alle Anhänger der Degenerationstheorie unterschätzen die grenzenlose Regenerationsfähigkeit der menschlichen Natur. Deutschland befand sich nach dem 30 jährigen Kriege, England in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in tiefster wirtschaftlicher Zerrüttung; das Menschenmaterial beider Völker wrar demoralisiert, geschwächt und verschlechtert; konfessionelle bezw. Klassengegensätze teilten es in feindliche Lager, und heute vollzieht sich ihre innere Konsolidation augenfällig und träumen Germanen und Angelsachsen von der Weltherrschaft. Dass die Bäume ihrer Hoffnungen nicht in den Himmel wachsen, dafür bürgt der Umstand, dass sie nicht allein auf der Welt sind und noch nie ein Volk die Weltherrschatt für sich errungen hat. Im beständigen Wechsel der Erscheinungen ist vieles nur ein Moment der Weiterentwickelung, was als Degenerationserscheinung ausgegeben werden könnte.- Niemand wird bestreiten, dass die Menschen sich aus Furcht vor den Tieren, also aus einem Gefühl der Schwäche, zu Horden zusammenschlössen, und doch beruht darauf das Gebäude menschlicher Kultur. Dass die Holländer oder Schweden degeneriert sind, wird niemand behaupten wollen, und doch ist die Rolle dieser Völker als ■ Grossmächte ausgespielt. Andere Länder, die sich mit unwiderstehlicher Gewalt ausbreiten, werden von den schwersten inneren Krisen erschüttert. Und obgleich die Korruption des chinesischen Beamtentums und die Entartung - REGENERATION. vieler chinesischer Gesellschaftsschichten nur durch die beständige Finanznot des Reiches übertroffen werden, halten die Chinesensich für ein kräftiges zukunftsreiches Volk und werden von den meisten Beobachtern dafür angesehen, während z. B. das reiche, glückliche Frankreich nach der gemeinen Ansicht durch und durch korrumpiert und entartet ist, so dass selbst hervorragende Franzosen wie Taine, Renan und Zola schmerzlich von einem Niedergang, einer Zerbröckelung, einem Zusammenbruch ihrer Nation sprechen. Mit Unrecht. Man darf in diesen Dingen nur Erscheinungen skizzieren, muss sich aber eines Urteils enthalten. Man kann wohl zu einer abstrakten Definition des Begriffes Degeneration gelangen, die als Erschöpfung infolge Verbrauch der Kraft zu formulieren ist. Da aber die Kraft eines Volkes unmesslich, zum mindesten unm essbar ist, so darf man von Degenerationserscheinungen bei Individien nicht auf Degeneration des ganzen Volkes schliessen. Die Annahme liegt nahe, dass wie der Nacht der Tag, der Ermattung neue Spannkraft, dem Tode neues Leben folgt, wie die Wellen sich senken und heben und der Atem die Brust zusammenzieht und dehnt, die scheinbare Erschöpfung eines Volkes nichts weiter als eine Epoche bedeutet, in der es zu neuer That schlummernd Kräfte sammelt. Fragt man, wodurch derartige Degenerationserscheinungen hervorgerufen werden, so scheint ausser den Ruhepausen, die einer Zeit grosser Thaten zu folgen pflegten, in den meisten Fällen eine von aussen aufgezwungen^ Stagnation, die wieder die Folge einer Umklammerung und Fesselung der freien Entfaltung ist, die Ursache zu sein. Die Abschnürung, welche die Romanen erleiden, scheint die Ursache der Momente, die auf eine Degeneration der lateinischen Völker gedeutet werden. Die beginnende Abschnürung der Deutschen durch die Slaven scheint in einem Sinken der deutschen Geburten ihre Folge zu äussern. Unwillkürlich muss man an die auch vom deutschen Geographen Ratzel hervorgehobene Thatsache denken, dass Völker, die auf grossen Gebieten unbehindert wohnen, in ihrem Wesenszug ein Gefühl der Grösse und Unendlichkeit haben. Man denke an den Stolz der Römer. Die Römer spotteten über die Juden; der jüdische Gott müsse ein erbärmliches Keddien sein, wenn er seinem Volke ein. so kleines Land gegeben habe. Die Chinesen halten die anderen Völker für Geschmeiss, das um den gewaltigen gelben Drachen herumschwirre und ihn höchstens belästigen könne. Der russische Dichter Gogol spricht vom russischen Volkslied, das endlos sei wie das heilige Russland, und vergleicht sein Volk mit einem Dreigespann, das über die Erde

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