Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Die Juden in Italien
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 541 - 542 (sequence 2)
- Language
- German
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541 M. Marasse: Die Juden in Italien. 542 In dem Judenviertel giebt es eine Piazza del Pianto — Platz des Weinens —, und für die Enge, den Schmutz der Gassen mit ihren hohen und schmalen Häusern, den feuchten Kammern, der abschreckenden Beschäftigung mit elendem Plunderkram, in denen man die häufig rothaarigen Töchter Zions wühlen sieht, ist dieser Name sehr bezeichnend. Heutzutage werden die Juden nicht mehr mit Peitschenhieben in die Kirche gezwungen, um sich durch christliche Wahrheit erleuchten zu lassen, aber eine althergebrachte Sitte hat sich erhalten, die öffentliche feierliche Taufe einer Judenfamilie am Sonnabend vor Ostern im Baptisterium des Lateran. Es ist dies die älteste Taufkirche Roms, in welche die Legende den Uebertritt Konstantin des Grossen zum Kreuze verlegt, und in dessen Taufbecken aus grünem Basalt der phantastische Tribun Cola di Rienzi in Rosenwasser gebadet haben soll. Ein Kardinal nimmt die sehr ausgedehnte Handlung der Wasserweihe und Salbung vor, und ist auch der Anblick der weissverschleierten Frauen mit langaufgelösten Haaren und brennenden Kerzen —- als Symbol der Erleuchtung — in den Händen ein sehr malerischer, so habe ich das ganze Schauspiel doch recht widerwärtig gefunden. Selbstverständlich geben sich nur ganz arme, meistens herabgekommene Personen, die dafür bezahlt werden, zu der Schaustellung her, aber auch reiche jüdische Familien treten nicht selten zum Christentum über, und die ältesten Adelshäuser, die Borghese, Orsini, Massini haben sich mit orientalischem Blut vermischt, diese Sitte ist nicht nur neueren Datums. Schon im frühesten Mittelalter gab es ein mächtiges Senatorengeschlecht, die Pierleoni, das aus dem Ghetto durch Reichtum und Geschicklichkeit zu glänzender Laufbahn emporstieg. Papst Leo IX. selbst erteilte dem ehrgeizigen Enkel eines Juden den Taufnamen Leo, und dieser verschwägerte sich mit den römischen Grossen. Die Pierleoni blieben gut päpstlich gesinnt, das Theater des Marcellus benutzten sie als feste Burg, und in diesem Palast, unter ihrer Protektion starb der Papst Urban IL Noch höher sollten sie steigen; als Anaklet IL wurde ein Pierleoni am 14. Februar 1130 zum Papst gewählt, er triumphierte über den Gegenpapst Innocenz IL, bis diesem der deutsche Kaiser Lothar zu Hilfe kam. In dem herrlichen Kreuzgang von S. Paolo Fuori, einer der schönsten Kirchen Roms, fällt ein grosser Sarkophag mit der Geschichte des Apollo und des Marsyas dem Besucher in die Augen. Nicht einmal Bädecker verrät, dass dies das Grab eines Pierleoni ist. Die Inschrift preist den Toten als einen „durch Reichtum und Kinder unermesslichen Mann ohnegleichen". — Wie bereits erwähnt, verlangt der heutige Staat Italien keinen Uebertritt und übt keinerlei Berufszwang aus, die Juden haben den freiesten gesellschaftlichen Verkehr, keine liberale Verordnung ist umgestossen, und selbst die armen Hausierer, die mit dem Sack auf der Schulter zum Kauf und Verkauf von Lumpen auffordern, werden nicht mit Schimpf und Schande bedeckt. Dennoch fällt dem aufmerksamen Beobachter eine ganz, ganz leise Wendung zum schlechteren auf. Hin und wieder liest man in den Zeitungen, besonders in dem päpstlichen Organ „La vera Roma", Ausfälle gegen jene, die durch Bankgeschäfte ein Vermögen zurücklegten, auch wenn es auf ehrlichstem Wege und dem Staate zu Nutzen geschah. Unter dem Titel: „Befehl des Ghetto", beklagte sich das genannte Blatt im letzten Jahr leidenschaftlich darüber, dass die Examina an einigen Anstalten verschoben wurden, weil der dazu bestimmte Tag auf das Versöhnungsfest der Juden fiel. Dieser Fall habe sich schon zum zweiten Male wiederholt, während nur die staatlich anerkannten katholischen Feste, aber nicht etwa S. Giuseppe, S. S. Annunziata etc. berücksichtigt würden. Weiter jammert „La vera Roma", dass eine Jüdin Vorsteherin einer wichtigen staatlichen Schule sei, ein besonderes Diplom für ihre Verdienste erhalten habe mit dem Titel Professor der Pädagogik. Eine andere Dame derselben Abstammung wurde in das Ministerium als Mitglied der Prüfungskommission für Gärtnerinnen berufen, etc. etc. Sind derartige Notizen auch betrübend genug, so beweisen sie doch aufs neue, dass Israeliten, giebt man ihnen nur die Bahn frei, sich sehr wohl zu jeder anstrengenden, von bescheidenen pekuniären Erfolgen begleiteten Berufsart eignen. So wollen wir hoffen, dass Frankreichs Beispiel nicht ansteckend wirkt, und dass das unvergleichlich liebenswürdige italienische Volk mit dem umfassenden Begriffskreis und dem instinktiven Menschlicbkeitsgefühl niemals den finsteren Mächten des Verfolgungswahns verfallen möge.