Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Die Juden in Italien
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 1)
- Language
- German
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539 5.40 DIE JUDEN IN ITALIEN. Von M. Marasse, Die Quelle der modernen Civilisation ist die Volksbildung, aus ihr trinken die Nationen Kraft zu Werken der "Wohlfahrt und zu kühnem Kampfe. Versagt der Quell, so wankt der Bau des Staates, und in intellektueller Schwäche fällt er zusammen. * Freie Entfaltung der Berufsarbeit eines jeden rechtschaffenen Bürgers, wess Ursprungs und welcher Religion er auch sein möge, bildet die Grundlage des festgefügten Staates, fördert die soziale Entwickelung eines jeden Volkes. Von jeher hatte die liberale Regierung Italiens das Bestreben, alle Unterthanen frei zu Wort kommen zu lassen, und eine Zurücksetzung der Juden bei Aemtern und Würden giebt es bis jetzt noch nicht. Der jüdische Professor Luigi Luzzatti, Exminister, ist gegenwärtig Abgeordneter. Er ist der Schöpfer des „Credito popolare cooperativo" und hat sowohl in der politischen, wie in der Finanzwelt eine hochangesehene Stellung. Der allgemein bekannte Baron Sidney Sonnino ist zwar nur hebräischer Abkunft, doch wTar er sogar Präsident des Ministerrates und gehört zu den bedeutendsten Politikern Italiens. Ernesto Nathan, Grossmeister des Freimaurerbundes, ist in der Schule Giuseppe Mazzini's aufgewachsen und soll wie dieser ein schwärmerischer Idealist, der für Humanität, Freiheit und Glück der Menschheit kämpft, mit unverdrossenem Mute sein. Damit ist die Liste natürlich lange nicht geschlossen, auch in Kunst und Litteratur sind Juden ihren christlichen Kollegen gleichbedeutend und werden niemals mit Perfidie als Eindringlinge behandelt. Es ist dabei fälschlich anzunehmen, dass sich das jüdische Volk äusserlich von den Italienern nicht unterscheide, in der grossen Masse blieben sie unvermischt und tragen heute die Merkmale ihrer orientalischen Abkunft wie zur Zeit des Pompejus und des Augustus, des milden Kaisers, der ihnen das römische Bürgerrecht verlieh, der selbst den Tempel zu Jerusalem mit kostbaren Weihgeschenken schmückte, und der den Sabbat so sehr achtete, dass er befahl, den Hebräern nicht an diesem, sondern erst am folgenden Tage Getreideausteilungen zukommen zu lassen. Die Gemeinde der Juden hatte sich ursprünglich freiwillig in Trastevere und um die Inselbrücken angesiedelt und erfuhr gerade in Rom eine bessere Behandlung, als dies sonst im Mittelalter geschehen ist. Erst Paul IV., der fanatische Greis, der schon als Kardinal Caraffa die Inquisition in Rom eingeführt hatte, sperrte sie in. den Judenzwinger, in wenige ungesunde Strassen dicht am Tiber, die erst den Namen Vicus Judaeran, später Ghetto erhielten. Diese Bezeichnung leitet Gregorovius von dem talmudischen Wort Ghet,. welches Absonderung bedeutet, ab. Längst ist jeder Zwang aufgehoben, aber gerade das arme Volk, das mit altem Zeug, roba vecchia, handelt, betet noch heute in demselben elenden Stadtviertel zu Jehovah. Es giebt viel jämmerliche Armut unter diesen nüchternen,, fleissigen Menschen. Die wohlhabenderen Familien ziehen gern nach Toscana oder Piemont, wie denn auch die Synagogen von Florenz und Turin neu und prächtig erstrahlen, während das römische Gotteshaus der Juden sehr bescheiden ist. Von aussen erinnert nur der siebenarmige Leuchter im Fries an die kirchliche Bestimmung, jener Leuchter, der in dem wunderbaren Relief am Titusbogen auf dem Forum mit anderem Tempelgerät, dem goldenen Tisch, der Bundeslade, im alten Abbild erhalten ist und nicht mehr als ein Zeichen der Schmach, sondern als ein lebendiges Zeugnis dienen kann von einem dauernden und unvertilgten Glauben, der allen Verfolgungsstürmen trotzte, von der Kraft und Zähigkeit dieser uralten Wurzel des Christentums. Die Ghettoumgebung ist noch heute für jeden Fremden von höchstem Interesse. Der Synagoge gegenüber steht der Palazzo Cenci, unvergesslich geworden durch das tragische Geschick der wunderschönen Beatrice, die durch Guido Reni's liebliches Bild so ungemein populär ist. In demselben Palast wohnte auch der deutsche Maler Overbeck und schuf hier seine Heiligenbilder mit den -geflügelten Engelsköpfchen. Die Halle der römischen Oktavia mit ihren korinthischen Säulen, die Kirche S. Angelo in Pescheria, in welcher eine bestimmte Anzahl von Juden — der Wächter zählte die Köpfe am Eingang — noch im 18. Jahrhundert gezwungen waren, eine christliche Bekehrungspredigt allwöchentlich an ihrem Sabbat zu hören, die alte Brücke, Ponte de Quattro Capi, das alles sind ungemein anziehende, wenn auch zum Teil erregende Dinge für den Romfahrer.