Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Jüdische Bauern auf deutschem Boden
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 511 - 512 (sequence 7)
- Language
- German
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511 Dr. Ernst Tuch: Jüdische Bauern auf deutschem Boden. 512 Amortisation überlassen. Von vornherein aber werden sie in zahlreichen bewährten Genossenschaften zusammengeschlossen, so vor allen Dingen als Einkauts- und Verkaufsgenossenschaft, zum Ankauf von Dünger, Saat, Vieh, in Drainagegenossenschaften, Werkgenossenschaften etc. etc. Es unterliegt wohl kaum einem Zweite!, dass die jüdischen „Bauern" nach ihrer Selbständigwerdung den als „Zwangsgenossenschaft" eingeführten Zusammenschluss freiwillig beibehalten und weiter ausbilden werden. Auf diese Weise ist eine sichere Garantie geschaffen worden, dass das Unternehmen gelingt. Das Gut arbeitet zuerst wie ein Grossbetrieb mit gemieteten Kräften, nur dass diese Leute keine Veranlassung haben, fortzulaufen, da sie ja durch eigene Arbeit sich zu Eigenbesitzern emporarbeiten werden und mithin ihr eigenes Interesse unauflöslich an die Scholle gebunden ist, auf der sie wirken. So wird der Betrieb geradezu ein idealer sein. Später aber, und darauf kommt es doch vor allem an, wenn die Zwangsgenossenschaft aufgehört hat und die freiwillige an Stelle dessen tritt, wird sich für jeden einzelnen der Bauern die Landwirtschaft als höchst rentabel erweisen. Mit einem einzigen derartig geglückten Versuch hätte der Bodenkulturverein seine Hauptaufgabe erfüllt. „Es ist ein bekanntes wirtschaftliches Gesetz, dass die Menschen mit derselben mathematischen Sicherheit, mit welcher das Wasser eine Höhlung ausfüllt, in die es Gefälle hat, mit derselben Sicherheit, mit der die atmosphärische Luft in das Vakuum einer Luftpumpe gepresst wird, -die Menschen von Orten, wo sie unter grösserem Drucke stehen, nach solchen strömen, wo ein geringerer Druck herrscht, wo sie also reichlichere oder leichtere oder angenehmere oder sicherere Lebensbedingungen haben."*) Nun ist es klar, dass für *) Dr. Franz Oppenheimer: Die Sicdlungsgenossenschaft. p. 473. alle die Juden, welche heute unter den trostlosen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in den grossen Städten, unter den Einflüssen der antisemitischen Bewegung, von Tag zu Tag mit grösserer Sorge für sich und ihre Familie erfüllt werden, ein derartiger Lebensberuf, der ihnen in gleicher Weise eine wirtschaftlich günstige Existenz und ein sozial geachtetes Dasein gewährt, einen ganz gewaltigen Anziehungspunkt darstellen wird. Daher besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass sich Juden in Scharen zur Ansiedlung bereit erklären werden, sobald ihnen der Beweis der Rentabilität der Landwirtschaft und ihrer Eignung für sie geliefert sein wird. Die erste Kolonie wird selbständig aus sich heraus immer neue und neue erstehen lassen. In allen Teilen Deutschlands werden jüdische Bauernkolonien erblühen, organisch wird dieser „Bauernaufstand" wachsen und erst zum Stillstand kommen, wenn alle Elemente von ihm angezogen sein werden, die heute in den Städten sich selbst und ihren Stammesgenossen zur Last fallen. Nur kurz sei noch ein Streif blick auf die Zukunft geworfen, wie in diesen Siedlungen selbstverständlich später Handwerker und allmählich auch Industrien ein Bedürfnis werden müssen und daher selbstverständlich sich dort anschliessen werden. Und mit der Annäherung an die Natur wird auch das natürliche Empfinden, der ästhetische Lebensgenuss unter den Juden hervorbrechen. Die lang unterdrückte jüdische Individualität wird sich zur Freiheit und in ihr zur Schönheit entwickeln. — Das ist das letzte Ziel, welches durch kleine Anfänge zu erreichen, der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands sich gesetzt hat. Möge es ihm gelingen, die Anteilnahme der gesamten deutschen Judenheit für seine bedeutsamen Bestrebungen zu gewinnen.