Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Jüdische Bauern auf deutschem Boden
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 509 - 510 (sequence 6)
- Language
- German
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509 Dr. Ernst Tuch: jüdische Bauern auf deutschem Boden. olO wenn die damalige politisch-liberale Strömung nicht eingesetzt, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit ganz Europas auf sich gelenkt hätte, die Juden Deutschlands Zeit gefunden hätten, ihre wirtschaftliche Emanzipation sich selbst zu erringen. Wir würden dann vielleicht schon heute einen ansehnlichen jüdischen Bauernstand haben, auf den uns stützend, wir nicht nur die politische, sondern auch die soziale Gleichstellung, Gleichachtung hätten ertrotzen können, die man uns heute verweigert. Die Bestrebungen wurden nicht wieder aufgenommen vor dem Jahre 1897, in welchem der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" gegründet wurde. Längere Zeit durch innere Schwierigkeiten gehindert, konnte dieser Verein erst jetzt mit seinen Ideen vor die breitere Oeffentlichkeit treten. Soeben versendet er seinen 3. Jahresbericht, aus welchem hervorgeht, dass er zahlreiche Ortsgruppen über ganz Deutschland gegründet hat, dass überall seine Absichten auf volles Verständnis stossen; wenn er heute nahezu 1200 Mitglieder zählt, so ist dies allein schon ein genügender Beweis, welchen Anklang seine Tendenzen unter deutschen Juden finden und wie zeitgemäss sein Vorgehen ist. Wird nun der Bodenkulturverein im stände sein, wirklich Tausende von Juden anzusiedeln? Wird er, um nur einen Gesichtspunkt herauszugreifen, je die. immensen Geldmittel aufbringen können, welche zu einem derartigen Werk erforderlich wären? Das ist kaum glaublich. Auch kann dies gar nicht seine Absicht sein. Er hat — vorläufig wenigstens — nur das eine Streben, den Beweis dafür zu liefern, dass Juden sich ganz ausserordentlich zur Bodenkultur in Deutschland eignen. Es ist nur nötig, den freilich gewaltig schweren Wagen ins Rollen zu bringen, nachher wird die Bewegung sich selbstthätig fortpflanzen oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, es gilt den Kernkiystall zu schaffen, an den dann von allen Seiten die ertorderlichen Elemente (Geldmittel sowohl wie Menschenmaterial) in immer steigender Anzahl „anschiessen" werden. Vielfach ist die Ansicht verbreitet, dass man mit der Jugend beginnen müsse, dass zu diesem Zweck eine Ackerbauschule und ein Erziehungswerk grössten Stiles ins Leben zu rufen sei. Diese Anschauung ist irrig. So erfreulich es auch ist, wenn die jüdischen Lehrer heute immer energischer für die Erziehung der Jugend zum Verständnis der Natur, für ihre Einleitung zur körperlichen Arbeit im Schulgarten eintreten, so segensreich auch immer eine Ackerbauschule — gewissermassen eine Fortführung der gärtnerischen Erziehungs-Anstalt in Ahlem bei Hannover — für jüdische Jünglinge wirken würde, so dürfen doch alle diese Ueberlegungen nicht dazu verleiten, das Heil allein von der zukünftigen Generation zu erwarten und darüber die heutige als rettungslos verloren aufzugeben. Wer da weiss, wie leicht und schnell russische Studenten und galizische Hausirer sich in den jüdischen Kolonien in tüchtige Bauern verwandelt haben, der wird getrost den deutschen Juden Aehnliches zumuten. Wir haben schon oben angedeutet, wie zwar der einzelne Kleinbesitzer nicht im stände ist, sich gegenüber dem Grossgrundbesitzer mit seinem Grossbetrieb zu halten, wie er hingegen durch genossenschaftlichen Zusammenschluss dem Grossgrundbesitzer, der vielfach trotz seines grossen Kapitals durch Leutemangel nicht in der Lage ist, wirklich rationell zu wirtschaften, bei weitem überlegen ist. Wäre es daher von vornherein vom wirtschaftlichen Standpunkt aus klar, dass wir Juden nur genossenschaftlich, nicht vereinzelt ansiedeln dürfen, was übrigens auch in Hinsicht auf antisemitische Gehässigkeit als wünschenswert erachtet werden muss, so bietet gerade diese Form zugleich die Möglichkeit, unter der wir sofort mit der Ansiedlung von Juden beginnen können! Jeder einzeln angesiedelte Jude . müsste ein vollständig ausgebildeter Bauer sein, nicht so der im genossenschaftlichen Verbände, unter genossenschaftlicher Leitung stehende. — Die Art der Ansiedlung, welche der Verein im Auge hat, könnte am besten mit dem Namen „Administrationswirtschaft" bezeichnet werden. Nachdem der Verein ein Gut erworben haben wird, sollen auf diesem einige jüdische Kolonisten angesiedelt werden, d. h. sie erhalten eine Parzelle, welche genügend für ihren Lebensunterhalt hergiebt; die Grösse dieser Parzelle kann sehr verschieden sein, je nach der Qualität des Bodens und nach der Kultur, die darauf gepflegt werden soll. Da nun die betreffenden Ansiedler keine „geborenen" Bauern sind, so sind sie in der ersten Zeit abhängig zu machen von der Leitung des auf dem Restgute befindlichen Administrators. Er unterweist sie, und seinen Anordnungen haben sie sich unterzuordnen — bis sie selbständig sind, dann wird ihnen die Parzelle zur allmählichen