Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Jüdische Bauern auf deutschem Boden
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 501 - 502 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583884-2609051--00637-2609121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
501 Dr. Ernst Tuch: Jüdische Bauern auf deutschem Boden. 502 kämpfen. Ein bedenkliches Anzeichen der Wahrheit dieser Behauptung ist die in den letzten Jahrzehnten immer anwachsende Ab- und Auswanderung der ländlichen Bevölkerung, die geradezu zu einer Landflucht ausgeartet ist, so dass das bekannteste Wort unter denen, die sich sonst nicht besonders mit Nationalökonomie und Soziologie zu beschäftigen pflegen, das Stichwort von der „Leutenot" ist. — Es lässt sich nicht in einem kurzen Artikel das unendlich verwickelte Agrarproblem aufrollen. So viel jedoch sei gesagt, dass die Fortwanderung der ländlichen Arbeiter nur in den Bezirken des Grossgrundbesitzes an der Tagesordnung ist, mithin nichts anderes und nichts mehr beweist, als dass dieser sich augenblicklich in schwieriger Position befindet, während aus ihr allein, wie vielfach angenommen wird, nichts über die Rentabilität oder Nicht-Rentabilität der Landwirtschaft zu folgern ist. Immer klarer dringt die Erkenntnis durch, dass Landwirtschaft und Agrariertum nicht nur micht, wie bisher fälschlich von weiten Volksschichten geglaubt wurde, und wie es noch immer vom Bund der Landwirte gepredigt wird, identisch sind, dass sie vielmehr in immer schärferen Gegensatz zu einander treten, so dass man mit gewisser Berechtigung den Satz aufstellen kann, je besser es dem Grossgrundbesitz geht, desto übler dem Bauern und umgekehrt. — Wenn nicht, wie gerade in diesem Jahre, starke Frühjahrsfröste einen ungeheuren Misswuchs herbeiführen, unter welcher Kalamität natürlich gleichermassen Grosswie Kleinbesitzer leiden, tritt es immer klarer zu Tage, dass die Landwirtschaft von Jahr zu Jahr sich lukrativer gestaltet, vorausgesetzt — dass sie rationell betrieben wird. Es sind zwei Faktoren, welche diesen Erfolg herbeigeführt haben und immer mehr herbeiführen: die Anwendung von Maschinen und chemischen Mitteln im landwirtschaftlich ea Betriebe und seine Kräftigung durch das Genossenschaftswesen. Die Umwälzung, welche die Maschine in der Landwirtschaft herbeigeführt hat, ist kaum geringer als die durch sie in der Industrie bewirkte. Man vergleiche die landwirtschaftliche Produktion Amerikas etwa mit der Galiziens. Hier ein mit Ochsen gezogener Pflug, die Saat zerstreut durch einen einzelnen Arbeiter, das Getreide geschnitten mit der Handsichel, die Garben einzeln zusammengebunden, auf dem Felde zum Austrocknen liegen gelassen; das Getreide mit dem Handflegel gedroschen, in Säcke geschüttet, unsortiert in Speichern aufbewahrt. Hingegen in Amerika: Anwendung des Dampfpfluges (oder des elektrischen), der Säe-, Mäh- Maschinen, der genialen Maschine, welche die Garben selbstthätig zusammenbindet; das Korn wird direkt auf dem Felde gedroschen, sortiert, gewogen, verpackt und verschickt! Zwischen diesen beiden Extremen steht Deutschland: wesentlich höher als Galizien, aber noch bei weitem nicht so entwickelt wie Amerika. Noch unendlich viel kann und wird auf diesem Gebiete in Deutschland gethan werden. Man bedenke, welche ungeahnten Dienste heute in der Landwirtschaft allein die Elektrizität zu leisten vermag. Um hiervon einen Begriff zu geben, sei kürz die Verwertung dieser Kraft auf dem Gute Ouednau bei Königsberg i. Pr. vorgeführt: „Von dem Maschinenhaus aus geht ein grossartiges Netz von Leitungsdrähten nach allen Seiten auseinander und leitet den Strom teils über das Feld für den elektrischen Pflug, teils nach dem Gutshofe, teils nach dem Gutshause. Auf dem Gutshofe befinden sich drei Elektromotore, zwei grössere, der eine fest, der andere fahrbar, ein kleinerer tragbar. Die beiden grösseren werden zum Betrieb von Häckselmaschinen , Rübenschneider, Dreschmaschine, Schrotmühle, Oehlkuchenbrecher, Mahlmühle und Wasserpumpe, der zweite tragbare für Trieure und Windfegen benutzt. Zu dem Ingangsetzen der Maschinen ist nur das Drehen einer Kurbel erforderlich. Ausserdem befinden sich in jedem Stall, in jedem Speicherraum, in jedem Vorratsschuppen, auch in den Kellern an den Thüren elektrische Schalter, welche sofort die Nacht in Tag verwandeln (eine Einrichtung, die man übrigens heute schon auf recht kleinen Gütern antrifft). Der elektrische Pflug, der ähnlich wie die Strassenbahnen durch oberirdische Leitung getrieben wird, kann durch Eggen, Walzen und ähnliche Geräte ersetzt werden. Alle diese gewaltigen technischen Fortschritte jedoch, denen sich würdig die Verbesserung der chemischen Düngemittel anreiht, würden für unsere heimische Landwirtschaft nur von untergeordneter Bedeutung sein, wenn sie ausschliesslich den kapitalkräftigen Grossgrundbesitzern zu Gute kommen würden, und der wirtschaftlich schwache Klein- und Mittelbesitzer sie in seinen Betrieben nicht zur Anwendung bringen könnte. Dies aber wird in immer wachsendem Maasse ermöglicht durch das Eingreifen der landwirl-