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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 499 - 500

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Jüdische Bauern auf deutschem Boden
Date
1901-07-01
Page
Seite 499 - 500 (sequence 1)
Language
German
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499 500 JUEDISCHE BAUERN AUF DEUTSCHEM BODEN. Von Dr. Ernst Tuch. In einem einleitenden Artikel „Die wirtschaftliche Aufgabe der deutschen Judenheit" in Heft I dieser Zeitschrift versuchte ich in allgemeinen Umrissen den Beweis zu erbringen, dass für einen grossen Teil der deutschen Judenheit kein anderer Ausweg aus der sozialen Misere unserer Zeit bestehe, als der Uebergang zur Landwirtschaft, dass diese Umwälzung eine geschichtliche Notwendigkeit sei. Müssen wir uns nun missmutig, gewissermassen der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, diesem Zwange beugen oder dürfen wir ihn freudig begrüssen, sollen wir die wirtschaftliche und soziale Umwandlung in der Lebensweise und Lebensbethätigung unserer deutschen Juden möglichst glatt und eben, möglichst „sprunglos" herbeizuführen uns bestreben? Für mich besteht kein Zweifel, dass der letztere Standpunkt der allein richtige ist, wird doch durch diese Rückkehr der Juden zur urproduktiven Beschäftigung für sie geradezu eine neue, glücklichere Epoche ihrer Geschichte eingeleitet werden, würden sie doch erst dadurch die volle soziale Gleichstellung und hiermit die volle Möglichkeit der inneren Erstarkung, des kulturellen Fortschritts nach allen Seiten hin erlangen. Zwei grosse Fragen treten uns entgegen, ohne deren befriedigende Beantwortung jede weitere Erörterung dieser ganzen Angelegenheit überflüssig und nutzlos erscheinen muss. Sie lauten: 1. Wird die Ueberleitung grösserer Teile der deutschen Judenheit zur Landwirtschaft wirklich den angegebenen sozialen Fortschritt im Gefolge haben? 2. Wenn dies der Fall ist, könnte in absehbarer Zeit das Werk unternommen oder gar zur Ausführung gebracht werden, und wie hätte dieses zu geschehen? Um die Beantwortung für die erste Frage zu finden, müssen wir zu bestimmen suchen, welches voraussichtlich überhaupt die Folgen dieser „Revolution", dieser Schaffung eines starken jüdischen Bauernstandes auf deutschem. Boden sein würden. Zu diesem Zweck wollen wir vorläufig die Annahme machen, dass die Juden in beträchtlicher Anzahl, also annähernd prozentualer in gleicher Stärke wie die übrige Bevölkerung, an der Urproduktion beteiligt wären. Da diese etwa 40% zur Landwirtschaft stellt, so müssten wir als Endresultat an 40 000 jüdische Familien als Bauern auf deutschem Boden ansässig haben. Dies heisst zwar, heute das Ziel recht weit stecken, vielleicht unerreichbar weit — auch ist es fraglich, ob die Ueberführung in so gewaltigem Masse noch ratsam wäre —, allein es soll ja hier nur als Hypothese gelten, es soll nur untersucht werden, wie sich die Verhältnisse dieses jüdischen Bauernstandes und des in den Städten verbleibenden Teiles der jüdischen Bevölkerung gestalten würden. In dem einen Punkte werden wir wohl keinen Gegner finden, und brauchen deshalb auch hier nicht näher darauf einzugehen, wenn wir behaupten, dass die Beschäftigung auf dem Lande hygienisch den Juden ausserordentlich günstig wäre, schon vielfach ist darauf hingewiesen worden, wie manche physischen Leiden, nervöse Krankheiten, die speziell den Juden eigen zu sein pflegen, auf ihr Haften an städtischen Berufen zurückzuführen sind. Die Kräftigung* des Körpers, die Erstarkung der Muskeln, das Verwachsen mit der Natur, die Stätigkeit, welche dem Bauern innewohnt, die Freude an der produktiven Bethätigung, alle diese Momente werden nun ihrerseits ganz erheblich dazu beitragen, das Selbstbewusstsein unserer deutschen Juden zu heben, und das ist es, worauf es ganz ausserordentlich ankommt. Jeder, der sich mit der „Judenfrage" etwas eingehender beschäftigt hat, muss eingestehen, dass wir nicht so sehr unter den feindlichen Angriffen selbst zu leiden haben, als unter dem Indifferentismus, der Gleichgültigkeit, mit der ein grosser Teil der deutschen Judenheit sie noch immer aus Mangel an Selbstbewusstsein über sich ergehen lässt. Eine Hebung der Selbstachtung, wie sie zweifellos im jüdischen Bauernstande stattfinden würde, käme der ganzen Judenheit zu gute. Allein das wäre wohl nicht viel anderes als der Stolz des Proletariers, wird uns von vielen Seiten entgegengehalten, denn die Landwirtschaft ist heute wahrlich nicht mehr rentabel! Wer sich ihr, noch dazu mit geringem Kapital, widmet, ist von vornherein auf ein entbehrungsreiches Leben angewiesen. Wir können in Deutschland nicht mehr gegen die auswärtige Konkurrenz, gegen Amerika, Argentinien und Russland an-

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