Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 429 - 430 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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429 Dr. N. Samter: Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert. 430 Antisemitismus (1880—1889), so sind, wenn wir nach dem Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1885 als Durchschnittszahl der jüdischen Bevölkerung 366 575 und als jährliche Durchschnittszahl der Taufen 203 annehmen, 5,5 von zehntausend Juden in diesem Zeitraum zur evangelischen Landeskirche übergetreten. In ganz anderem Lichte freilich werden uns die Taufen erscheinen, wenn wir die Namen nicht zählen, sondern wägen. Mag auch tibertrieben sein, was Max Nordau behauptet: „Von allen Juden, die in den letzten dreissig bis vierzig Jahren auf irgend einem Gebiete Ruhm oder auch nur Anerkennung erlangt haben, ist wohl kaum ein Fünftel dem Judentum tieu geblieben," aber doch — welche Fülle von Geist ist uns nicht verloren gegangen! Man wird sagen: Die Getauften waren ja auch schon vor der Taufe dem Judentum abgestorben; sie waren dürres Laub; was liegt daran, ob es abfällt oder am Baume hängenbleibt? Freilich, der Abfall selber ist auch nicht das Betrübendste, sondern dass er infolge des herrschenden Indifferentismus einen so günstigen Nährboden hat. Wo die Jugend einseitig nur für ihren künftigen Beruf erzogen wird, wo sie weder in noch ausser dem Hause etwas Jüdisches zu sehen bekommt, wo ihr das Judentum wohl Zurücksetzung und Kränkung, nirgends aber etwas Herzerquickendes und Erhebendes bietet: da muss sie notwendigerweise dem Glauben der Väter entfremdet werden. Nur wenn wir es dahin bringen, dass eine jüdisch-religiöse Erziehung den vielen dem Judentum feindlichen Einflüssen das Gegengewicht hält, können wir im neuen Jahrhundert auf eine Besserung der Zustände hoffen.