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Ost und West · 1901-06-01 · Heft 6 (Juni 1901) · p. Seite 427 - 428

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 6 (Juni 1901)
Article
Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert
Date
1901-06-01
Page
Seite 427 - 428 (sequence 3)
Language
German
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427 Dr. N. Samten Juden taufen im neunzehnten Jahrhundert. 428 gegeben, aber damit war für das Judentum wenig gewonnen. Denn wenn auch der Vater oder die Mutter im Judentum verharrte, so wurden doch die Kinder zum allergrössten Teile im Christentum erzogen. Die Verluste, welche wir durch Mischehen erlitten haben, waren sogar noch grösser als die durch direkten Uebertritt, so dass sie David Einhorn nicht mit Unrecht den Nagel zum Sarge des Judentums genannt hat. Am mildesten werden wir noch über diejenigen urteilen, welche die Kraft und den Beruf in sich fühlten, im Staate oder in der Wissenschaft Erspriessliches zu leisten, aber -als Juden keine Möglichkeit dazu sahen und deshalb, vielleicht mit blutendem Herzen, dem Judentum entsagten. Fragt man diese Herren, wie sie sich zu Dreieinigkeit und Kreuz bekehren konnten, so wollen sie natürlich alle ihrer Ueberzeugung gefolgt sein, denn so leicht giebt niemand zu, dass er ein — meineidiger Schurke ist. Natürlich kann man dem Täufling, der atis äusseren Rücksichten zur Taufe schreitet, dies nicht" streng beweisen, denn nur Gott sieht ins Herz, aber er muss es sich gefallen lassen, dass man den Ausspruch Macaulay's auf ihn anwendet: „Es wird stets ein starkes Vorurteil gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung bestehen, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt.*' Ob in der That Uebertritte aus Ueberzeugung vorkommen? Warum nicht? Mystiker giebt es auch bei den Juden. In früheren Zeiten haben sich solche Schwärmer der Kabbala ergeben, jetzt glauben sie vielleicht in den Mysterien des Christentums geeignete Nahrung für ihr Gemüt zu finden. Ein grosser Teil nimmt aber das Christentum wohl auch aus kühler Ueberlegung an, weil er es wirklich für die bessere Religion hält. Wir leben ja sozusagen in einer christlichen Atmosphäre. Unsere Kinder besuchen christliche Schulen, wo der Unterricht in christlichem Geiste erteilt wird, ja viele Eltern sind so verblendet, ihre Kinder auch am christlichen Religionsunterricht teilnehmen zu. lassen. Später ist der Umgang mit gleichgesinnten Juden und Christen, namentlich aber die Lektüre, nur allzu geeignet, die in der Schule aufgenommenen Anschauungen zu befestigen und zu erweitern. Die Bücher, welche über das Christentum belehren wollen, sind meist vom einseitig christlichen Standpunkte aus geschrieben: ein Jude hat, wenn er auch zu den Gebildeten gehört, aber gerade kein Gelehrter ist, kaum Gelegenheit, eine richtige Auflassung vom Christentum zu gewinnen. Alles, alles predigt ihm die Vorzüge des Christentums und die Inferiorität des Judentums, so dass er notwendig daran glauben muss, wenn er nicht durch eine jüdisch-religiöse Erziehung gegen solche Einflüsse gefeit ist. Deutsche Juden, welche ganz im Deutschtum aufgehen wollten, Hessen sich wohl überzeugen, dass es dazu auch nötig sei, die Religion der Deutschen anzunehmen. Goethe sagt zwar: „Den alten Deutschen gereicht's zum Ruhm, dass sie gehasst das Christentum'4, aber unsere Deutschtümler wissen das besser; ihnen ist Deutschtum ohne Christentum gar nicht denkbar. Schleiermacher z.B. meinte: ,Juden, die sich nicht zum Christentum bekennen, sind Franzosen, die nicht Deutsch lernen wollen". Die Philosophen Schopenhauer und Eduard v. Hartmann erklären es sogar für höchst verdienstlich, wenn ein Jude, um Deutscher zu werden, das christliche Glaubensbekenntnis, sei es auch ohne Glauben, ablegt. Es ist immerhin möglich, dass es Juden gegeben hat, welche durch derartige Erwägungen ihr Gewissen einschläferten und mit dem Munde bekannten, wovon das Herz nichts wusste. Der Verlust, den das Judentum durch die Taufen erlitten hat, ist der Zahl nach nicht sehr erheblich. Ich kann allerdings nur für Preussen, welches allein genügende statistische Daten bietet, den Beweis führen. Hier sind im Laufe des Jahrhunderts zwei Taufperioden zu unterscheiden. Die erstere deckt sich ungefähr mit der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III., der Blütezeit der Mission und der Intoleranz. 1822—1840 sind in den acht altpreussischen Provinzen 2200 Juden zur evangelischen Landeskirche übergetreten, das sind jährlich im Durchschnitt 122 oder etwa 0,7°/oo der Gesamtzahl (168 761),*) d. h. sieben von zehntausend. Die zweite Taufperiode beginnt mit dem Jahre 1880, da, wo durch den Antisemitismus das Judentum gleichsam in Verruf erklärt wurde. Während noch 1875—1879 die Landeskirche im Jahresdurchschnitt nur 62 Juden durch die Taufe gewann, wurden es 1880 plötzlich 120, und die Zahl wuchs stetig bis 1888, wo sie die erschreckende Höhe von 348 erreichte. Diese Ziffer ist erfreulicherweise im Laufe des Jahrhunderts die höchste geblieben. Berücksichtigen wir nur das erste Jahrzehnt des *) Zwischen 1822 und 1840 fanden 7 Volkszählungen statt. Die angegebene Zahl ist das Nüttel aus den Ergebnissen dieser Zählungen.

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